Ziehen Sie sich bitte etwas an!

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Mit der SPD ist’s ein Jammertal zur Zeit: Lügilanti in Hessen, Bussi-Beck im Bund und in Schleswig-Holstein hat sich wieder mal eine Politikerin nackig gemacht. Birgit Dagmar Auras kandidiert im SPD-Ortsverein Neustadt. Hauptberuflich jedoch ist sie Besitzerin von einem "Designstudio" und auf dessen Webseite Homepage stehen Nacktbilder von ihr.

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Illustration: Julia Schubert

Ihre Kandidatur musste die 50-Jährige nach massiven Protesten aus den eigenen Reihen zurückziehen. Ein 20-Jähriger Kandidat weigerte sich sogar, mit ihr gemeinsam auf derselben Liste zu stehen. Das spricht wieder mal ganz und gar nicht für die SPD. Zeigt dieses Verhalten doch, dass es immer noch – und sogar sehr junge – Sozen gibt, die sich von Nacktheit schockieren lassen. Außerdem ist es inkonsequent: Im hessischen Wahlkampf ließen sich zwölf Kandidatinnen aus Offenbach für einen Kalender nackt ablichten. Stolz überreichte Landtagsabgeordneten Heike Habermann den Bildband ihrer Chefin Andrea Ypsilanti. Ein halbes Jahr zuvor war Gabriele Pauli (fast) nackt im Magazin Park Avenue zu sehen. Im Nachhinein behauptete sie zwar, die Fotos seien gegen ihren Willen veröffentlich worden, aber so richtig glaubte ihr das niemand. In Polen ließen sich im vergangenen Jahr sogar die Kandidatinnen einer Frauenpartei nackt ablichten, für die Gleichberechtigung. Und davor war es die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, die ihren Babybauch dem Magazin Stern zeigte. Prinzipiell ist das Fehlen von Bekleidung ja, weil friedlich und natürlich, eine sympathische Art der Provokation. (Man denke nur an die „Flitzer“ bei Fußballspielen.) Nur als Statement funktioniert es überhaupt nicht mehr. Nacktheit ist kein Grund sich aufzuregen, weil es niemanden mehr interessiert. Im Gegenteil – der Trend geht nach den Jahren der Pornografieschwemme wieder hin zum Angezogensein. Eine nackte Politikerin, ist wie der unsympathische Mathelehrer, der seine Schüler mit „Du“ ankumpeln will. Das war vielleicht mal radikal und rebellisch, als manche Kinder noch ihre Eltern siezten. Heute nervt es nur. Beide, der Lehrer und die Politikerin, vergessen, dass wir ein gesundes Maß an Distanz sehr zu schätzen wissen. Denn nichts ist unangenehmer als aufgezwungene Nähe. Wer Nackerte aus erotischen Gründen sehen will, guckt ins Internet, wen Nacktheit aus anatomischen Interesse fasziniert, studiert Medizin oder geht meinetwegen in die Sauna. Politik soll sich auf so altmodische Dinge wie Inhalte konzentrieren. Außerdem: Kurt Beck will man ja auch nicht nackt sehen.

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Illustration: Julia Schubert



Text: philipp-mattheis - Fotos: www.designstudio-auras.de

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