Zwischensex und Sex

Man hat einen One-Night-Stand, oder eher „was am laufen“, nur eine Bett-Geschichte oder ist doch richtig zusammen - aber zwischen all dem begrifflichen Durcheinander unserer Beziehungen steht immer noch eine fest betonierte Eindeutigkeit: Sex.
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Illustration: Julia Schubert

Man hat einen One-Night-Stand, oder eher „was am laufen“, nur eine Bett-Geschichte oder ist doch richtig zusammen - aber zwischen all dem begrifflichen Durcheinander unserer Beziehungen steht immer noch eine fest betonierte Eindeutigkeit: Sex. Jetzt gerade allerdings zweifele ich an meiner Betondefinition von Sex. Meine Freundin Nina rührt ausdruckslos in ihrem Milchkaffee. „Nö, ist nix passiert“, sagt sie und meint ihre letzte Nacht. So richtig gelogen ist es nicht. So richtig wahr, erfahre ich später, aber auch nicht. Tom, ihr guter Freund war schließlich da. Außerdem zu viel Wein und eben auch Ausziehen, Anfassen undsoweiter. „Rein freundschaftlich aber nur“, meint Nina. Auch in meinem Kopfarchiv entdecke ich bei der ein oder anderen Begegnung den gleichen Gedanken. „Das kann man doch nicht so richtig zählen“. sagt die Erinnerung. Das bisschen Knutschen, Rumsexen, Rumprobieren. Das war doch mehr eine Versuchsaufstellung unter realen Bedingungen. Aber Sex, so richtig? Nein. So banal simpel das Wort klingt, weiß ich nicht mehr, was genau es meint. Sex will sich keiner genauen Definition mehr beugen und bleibt individuell einsetzbar. „I did not have sexual relations with that woman“, sagte Bill Clinton mit erhobenem Zeigefinger. Mit dem Wort Sex trat er gleich eine Lawine der Vorstellung los. Vor dem geistigen Auge erschien Monica Lewinsky auf dem Kopierer sitzend, vor ihr der Ex-Präsident mit heruntergelassener Hose. Oder beide ineinander verschlungen auf dem Teppich. Vielleicht hatte sie eine Peitsche. Er trug eine Latexmaske. Die Variationen, was Sex alles sein kann, sind viele. Als Bill Clinton sagte, er habe keinen Sex gehabt und doch Oralsex hatte, hat er da gelogen? Reine Definitionssache, sagten seine Anwälte. Mit Sicherheit aber verfolgte er andere Absichten als meine Freundin Nina, wenn sie erzählt, dass nichts passiert sei. Hauptsache, der Slip bleibt an Relevant wird die Sexdefinition nämlich erst in Ausnahmesituationen. Vor Gericht, wie Clinton bewies oder wenn der Freund fragt, was genau beim Seitensprung vorgefallen ist. Reicht fürs waschechte Fremdgehen schon ein Kuss? Oder ist alles legitim, Hauptsache der Slip bleibt an? Wenn man der Kirche oder „True-love-waits“ Enthaltsamkeit geschworen hat, dann öffnet sich die Schere, wo Sex beginnt genauso gefährlich weit. Denn auch extreme Formen von Zungenküssen können, laut einer katholischen Website, extatisch sein. Spirituell begeisterte Menschen behaupten sogar, Sex beginne im Kopf. Allein die mentale Kraft könne Wallungen erzeugen. Sexual Intercourse meint die Wahrheitsfindung aber eigentlich und bedeutet tatsächlich: Jede Art von sexuellem Kontakt und nahezu alle Sexualpraktiken, an denen zwei oder mehr Personen beteiligt sind. So müsste dann auch Bill Clinton zugeben: Ja, es war Sex. Ebenso müssten vielleicht einige Noch-Jungfrauen angesichts einer Wirklichkeit mit Petting, Cunnilingus und Co, ihren Reinheitsstatus ein wenig überdenken. Ist der Gedanke „ein bisschen Sex“ also genauso absurd wie ein „bisschen schwanger“? Kaffee mit Milchschaum, Croissant mit Marmelade Worauf es ankommt, wenn man um die Eigendefinition ringt, ist ganz unterschiedlich. Vielleicht geht es um Qualität, Intensität, die Kosten-Nutzen-Rechnung: Es war zu kurz, er zu klein. Ich bin nicht gekommen. Er nicht oder wir nicht zusammen. Der Entscheidungskatalog ist groß und neben den anatomischen Stellungsvarianten um beliebige Kriterien erweiterbar. Man muss auch zusammen einschlafen, zusammen aufwachen. Und dann mindestens frühstücken. Kaffee mit Milchschaum, Croissant mit Marmelade. Drunter geht’s nicht. An die eigene Vorstellung von Sex, in welcher Variation auch immer, sind Erwartungen geknüpft. Und so muss man sich die Bezeichnung Sex erst einmal verdienen. Alles andere erhält dann beim Ausschlachten der Erlebnisse der letzten Nacht ein enttäuschtes „nur“. Wenn Nina sagt, es war nichts, bedeutet das nicht automatisch Enthaltsamkeit. „Nichts zu bedeuten“ kann es auch heißen oder auch „Nichts gutes“ oder „Nicht alles“. Sex ist nur Sex, wenn ich es will. Ich bin schließlich kein Priester, kein Wahre-Liebe-Wartet-Anhänger, ich mache auch keine Kerben in meinen Bettkasten. Trotzdem gibt es da etwas, das den Unterschied macht: Dieses unverschämt breite Grinsen im Gesicht und dieses selige Trunkenheitsgefühl am nächsten Morgen, die immer noch laut: „Ja!“ rufen. Wenn sie das tun ist ganz gleich, was genau in der Nacht passiert ist.

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