Eine Muschel? Nee, eine Muschi!

Eine Sexualpädagogin verkauft Schmuck in Vulven-Form.
Interview von Lara Thiede
Foto: Screenshot / Instagram

Eigentlich arbeitet die Berlinerin Agnieszka Malach als Sexualpädagogin. Seit etwa zwei Jahren baut die 31-Jährige parallel das "Vulvinchen"-Unternehmen auf. Dafür stellt sie Postkarten, Sticker, Buttons und Kettenanhänger her, deren Motiv immer eine Vulva ist - und verkauft sie inzwischen erfolgreich auf dem Kleinkünstlerportal DaWanda.

jetzt: Du designst Schmuck in Form von Vulven. Was sagen denn deine Eltern dazu?

Agnieszka: Mein Vater sagt dazu erstmal gar nichts, denn ich habe gar keinen Kontakt zu ihm. Meine Mutter unterstützt mich aber total und steht vollkommen hinter meinem Projekt - sie trägt die Kette auch. Als das Gewerbe "Vulvinchen" seinen ersten Geburtstag hatte, hat Mama sogar einen Kuchen in Form einer Vulva gebacken.

Das klingt, als gingt ihr in der Familie sehr offen mit der weiblichen Sexualität um. Waren deine Vulva und Gespräche darüber für dich schon immer so selbstverständlich?

Für mich war meine Intimzone irgendwie nie ein großes Thema und vor allem kein Tabu. Klar hab ich mir während der Pubertät manchmal Gedanken gemacht, ob das jetzt so richtig ist oder nicht, ob die anderen Vulven auch so aussehen und alles. Dass das aber ein echtes Problem für viele Menschen sein und lange bleiben kann, ist mir erst im Beruf klar geworden. Bei meiner Arbeit als Sexualpädagogin treffe ich oft Frauen, die sich schämen, weil ihre Vulva zum Beispiel nicht aussieht, wie die, die sie aus Pornos kennen. Deshalb möchte ich ihnen mit meinen Produkten in den verschiedensten Farben und Formen bewusst machen, dass jede Vulva anders und schön ist.

Sexualität scheint ein wichtiges Thema in deinem Leben zu sein. Woher kommt die Faszination?

Ich hatte immer ein positives Gefühl gegenüber der Sexualität. Für mich ist Sex Lebensenergie. Und ich dachte lange, dass das für alle so wäre. Dann war ich wirklich erstaunt, als ich rausgefunden habe, dass doch nicht jeder so locker mit dem Thema umgehen kann - dass viele Schmerzen damit verbinden, sich für ihren Körper oder ihre Sexualität im Allgemeinen schämen. Deshalb habe ich mir vorgenommen, diese Menschen dabei zu unterstützen, freier und bewusster mit ihrer Sexualität leben zu können. Damit meine ich nicht, dass jeder Sex haben und das mögen muss. Wenn jemand einfach keine Lust hat, dann ist das auch vollkommen okay.

"Männer wundern sich oft, was das soll und warum es keine Penisse gibt."

Was denkst du: Kaufen deine Produkte eher Hipster, die provozieren wollen oder Leute, denen das wirklich etwas bedeutet?

Ich habe zuletzt leider den Überblick verloren, wer da was genau bestellt, denn mittlerweile läuft ja alles sehr unpersönlich über DaWanda. Ich kann mir aber vorstellen, dass Sticker und Postkarten auch viel von Leuten gekauft werden, die damit Späße machen wollen - was auch in Ordnung ist. Für die Vulvinchen-Ketten interessieren sich aber glaube ich hauptsächlich die Menschen, denen die Botschaft wirklich am Herzen liegt.

Einmal hat zum Beispiel eine Frau weit über 60 zwei Ketten gekauft – als Geschenk für ihre Lebensgefährtin, mit der sie schon seit 40 Jahren zusammen war. Außerdem verkaufe ich die Ketten auch häufig für größere Projekte. Da gibt es dann zum Beispiel hin und wieder eine Hebamme, die die Ketten werdenden Müttern schenkt.  

So sieht Agnieszkas Kunst aus:

Vulvinchens Instagramprofil

Foto: Screenshot / Instagram

Viele halten die Vulven erst für Muscheln

Foto: Screenshot / Instagram

Bei Vulvinchen gibt es alles mit Vulva - auch Sticker

Foto: Screenshot / Instagram

Ohrringe in Vulva-Form

Foto: Screenshot / Instagram

Wie reagieren die Menschen auf die Vulven am Hals?

Wenn ich eine meiner Ketten trage, starren einige hin, schauen wieder weg und starren dann wieder hin. Die erkennen meistens ganz offensichtlich eine Vulva darin und schämen sich aber dafür, dass sie gleich an ein Geschlechtsteil denken. Dann fragen sie freundlich lächelnd: „Ist das eine Muschel?“ Ich sage dann: „Nee, das ist eine Muschi!“ 

 

Und welcher Typ Mensch regt sich dann am ehesten auf?  

Hauptsächlich Männer. Die wundern sich oft, was das soll und warum es keine Penisse gibt. Ich finde eigentlich, dass Letzteres eine berechtigte Frage ist und sage dann sowas wie: „Mach doch welche, ich würde mich freuen.“ Ich habe aber leider noch von keinem gehört, der das dann wirklich gemacht hätte. Natürlich finden aber nicht alle Männer meine Vulvinchen doof - ich kenne viele, die auch selbst die Ketten tragen!

 

Hast du nie selbst daran gedacht, vielleicht auch "Peninchen"-Ketten herzustellen?

Es ist nicht so, als hätte es diese Abende nicht gegeben. Die Abende, in denen wir in meiner WG zusammengesessen und versucht haben, Penisketten aus Fimo herzustellen. Aber die sahen für mich am Ende immer zu plump aus und haben nicht zu meinem ästhetischen Empfinden gepasst.

Bestimmt wäre es gut, wenn man ähnliche Produkte mit Penissen herstellen würde. Es gibt ja auch Männer, die Probleme mit ihrem Penis haben. Die finden den zu kurz, zu lang, zu dick, zu krumm... Vielleicht muss man da auch ein vielfältigeres Bild auf den Weg bringen? Aber ich habe einfach selbst keinen Penis, nicht den Bezug dazu und mache deshalb auch keine Penisketten. Vulvinchen soll erstmal bleiben, wie es ist.

 

Was möchtest du mit deiner "Vulvinchen"-Unternehmung erreichen?  

Ich möchte die Vulva einfach sichtbarer machen, sie in einen positiven Kontext setzen. Vulvinchen hat dabei nicht den Anspruch, ständig politisch korrekt zu sein. Die Vulvinchen dürfen und sollen viel mehr zu Diskussionen anregen. Selbst, wenn jemand sie nicht angebracht oder unästhetisch findet - es ist besser, die Menschen setzen sich kritisch mit dem Thema auseinander, als dass sie sich über Vulven ausschweigen und sie so weiterhin tabuisieren.

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