Travis Rice mit Tracht, vor der Premiere im Deutschen Theater.

Travis Rice mit Tracht, vor der Premiere im Deutschen Theater.

Foto: Richard Walch/Red Bull Content Pool

Travis Rice grunzt. Er liegt auf dem Boden, das Gesicht im Schnee, langsam hebt er den Kopf, und die Laute, die er da von sich gibt, sagen: Das hat gerade sehr weh getan. Er testet, welche Gliedmaßen er bewegen kann, versucht zu erspüren, was die Lawine, die ihn grade mehrere hundert Höhenmeter nach unten gerissen hat, bei ihm kaputt gemacht hat. In diesem Moment weiß er: Das war es mit dem Traum, den er sich in ein paar Wochen so unbedingt erfüllen wollte.

Das war vor mehr einem halben Jahr. Jetzt sitzt Travis Rice im großen Saal des Deutschen Theaters und gibt ein Interview. Er trägt eine Lederhosn und ein Trachtenhemd, dazu ein Baseballcap mit dem Logo seines Sponsors. Heute Mittag war er auf der Wiesn, zwei Maß, mehr nicht, wegen der Interviews und weil die wirkliche Party ja erst heute Abend steigt: die Premierenfeier seines Films “The Fourth Phase”, in dem der Lawinenunfall eine Schlüsselszene ist (Am 3. Oktober startet der Film weltweit im Kino, am 2. Oktober ist er auf Red Bull TV zu sehen).

Travis Rice und Eric Jackson auf einem für den Film noch verhältnismäßig harmlosen Grat.

Travis Rice und Eric Jackson auf einem für den Film noch verhältnismäßig harmlosen Grat.

Foto: Tim Zimmermann / Red Bull Content Pool
Travis Rice bei der Arbeit

Travis Rice bei der Arbeit

Foto: Scott Serfas / Red Bull Content Pool
Gemütliche Unterkunft in Kamtschatka.

Gemütliche Unterkunft in Kamtschatka.

Foto: Scott Serfas /Red Bull Content Pool
Mark Landvik, mit Style.

Mark Landvik, mit Style.

Foto: Tim Zimmerman/Red Bull Content Pool
Travis Rice segelt auf den Spuren der Pazifik-Strömungen Richtung Japan.

Travis Rice segelt auf den Spuren der Pazifik-Strömungen Richtung Japan.

Foto: Tim McKenna / Red Bull Content Pool

Wenn Travis über diese Lawine spricht, wird er – zwei Maß und Party hin oder her – ziemlich nachdenklich. Und sagt dann: “Diese Lawine war für mich etwas sehr Wichtiges. Ich hatte von diesem Unfall viel mehr als zum Beispiel von einem krassen Sprung, den ich stehe. Er hat mein Denken verändert.”

Die Kernfrage des Films lautet diesmal nicht: Wie weit können wir gehen? Sondern: Wie weit sollten wir eigentlich gehen?

Travis Rice, 33, ist einer der besten Snowboarder der Welt. Er ist vielseitig, kreativ, hat den Sport im letzten Jahrzehnt entscheidend mitgeprägt. Sein letzter Film “The Art of Flight” vor vier Jahren brachte mit seiner Bildgewalt auch Menschen zum Staunen, die vom Snowboarden wenig Ahnung haben. Travis war oft der, der noch ein bisschen weiter ging als alle anderen, in allen Bereichen. Darum geht es ja fast immer in Actionsport-Filmen: Noch höher, noch krasser. Auch in “The Fourth Phase” ist das so: Man sieht Snowboarden auf allerhöchstem technischen Niveau, atemberaubend schöne Powder-Abfahrten, Rinnen in Alaska, so steil und eng, dass man nicht denkt, ein Mensch könne sie herunterfahren. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen lautet die Kernfrage diesmal nicht nur: Wie weit können wir gehen? Sondern auch: Wie weit sollten wir eigentlich gehen? Wo ist die Grenze zwischen dem gesunden Ehrgeiz, den man braucht, wenn man ein Profisnowboarder ist, der mit spektakulärer Action sein Geld verdient, und dem rücksichtslosen Optimismus, der einen in große Gefahr bringt? Die Antwort darauf gibt der Film noch nicht, dazu passierte das Unglück zu spät während der Dreharbeiten. Aber der Denkprozess ist bei Travis Rice ins Laufen gekommen: “Die Lawine war der Arschtritt, den ich brauchte. Sie war eine wunderbare Lehrstunde in Demut”, sagt Rice im Deutschen Theater und nestelt an seiner Lederhosn.

Das zweite große Thema in The Fourth Phase ist vielleicht noch ungewöhnlicher für einen Snowboardfilm. Denn anstatt einfach Sprung an Powderturn zu reihen, folgt der Film einem wissenschaftlichen Ansatz: Travis ließ sich bei der Wahl der Drehorte seiner dreijährigen Reise vom Wasser leiten, er folgt dem Wasserkreislauf des Pazifiks, beginnend mit einer Abfahrt in den Bergen der USA. Er steht auf einem schmalen Grat, und spricht in die Kamera: “Wenn der Schnee, der hier schmilzt, auf der einen Seite als Wasser runterfließt, fließt er in den Atlantik. Wenn er auf der anderen Seite runterfließt, landet er im Pazifik.” Auf dieser Seite stürzt Travis sich den Hang runter, Richtung Pazifik. Während des restlichen Films orientiert er sich am Weg des Wassers. Er segelt über den Pazifik, folgt den Meeresströmungen bis nach Japan, dem schneereichsten Land der Welt. Dann biegt er wie die Strömungen ab nach Nordosten, nach Kamtschatka und weiter nach Alaska, zurück auf dem amerikanischen Kontinent.

 

“Ich wollte den Makroprozess dieses riesigen Kreislaufs besser verstehen und spüren”, sagt Travis Rice. Denn dieser Kreislauf sei verantwortlich für die Bedingungen, die ihn als Snowboarder täglich beeinflussen: die Stürme weit draußen auf dem Pazifik, die auf die Berge treffen und ihre Schneemassen dort ablassen. Die Meeresströmungen, die für einen warmen oder einen kalten Winter sorgen. “Ich habe schon vor 12 oder 15 Jahren begonnen, mich dafür zu interessieren: Seit ich mit Brian Iguchi zusammen Snowboard fuhr und wir darüber philosophierten: Er, der Surfer, der zum Snowboarder geworden war, und ich, der Snowboarder, der begonnen hatte, zu surfen und zu segeln.” Seitdem ist auf allen seinen Projekten, egal ob Klamotten, Snowboards oder Produkten, an denen Travis Rice mitdesignt, ein Logo aus drei Wassertropfen. Sie symbolisieren die drei Aggregatzustände des Wassers: gefroren, flüssig, gasförmig.

Zur Vorbereitung des Films stürzte Travis sich in Hydrologie und Meteorologie. “Es fühlte sich an wie eine Universitätsstudium”, sagt er, und wenn er darüber redet, was er in dieser Zeit gelernt hat, bekommt man den Eindruck, er könnte tatsächlich leicht eine Vorlesungsreihe über die Physik des Wassers halten. Er stieß auf die Arbeiten des Wissenschaftlers Joel Pallack, der durch eine Wasser-Theorie weltbekannt wurde, deren Namen jetzt auch Travis’ Rice neuer Film trägt (Wer es ganz genau wissen will: Hier ein TED-Talk des Wissenschaftlers auf Youtube). Sie besagt, dass es neben den drei bekannten noch einen vierten Aggregatzustand von Wasser gibt und Wasser in der Lage ist, Energie zu speichern und abzugeben. “Diese Hypothese ist schon seit 150 Jahren von verschiedenen Wissenschaftlern immer wieder aufgestellt worden”, sagt Travis. “Uns hat das sehr inspiriert und es ist auch eine schöne Metapher für das, was wir tun: Schnee – also Wasser – ist unser Energiespender als Snowboarder.”

 

Von dieser Energie hat Travis Rice sehr viel, sie treibt ihn immer weiter, noch auf den nächsten Berg, in die nächste noch abgelegenere Ecke der Welt. Die Krönung dessen ist eine Gletschergegend in Alaska, “So Far Gone” hat er sie genannt, so schwer erreichbar ist sie. Sie sollte mit ihren unglaublichen Schneemassen und den perfekten Bergen den Abschluss der Reise bilden. Dann kam die Lawine dazwischen, gerade als Travis und seine Crew sich auf den Trip dorthin vorbereiteten und dabei am Tag des Unfalls ein bisschen zu viel wollten und folgenreiche Entscheidungen trafen, sodass sich Travis in der Lawine wiederfand. Travis Rice sieht wieder nachdenklich aus, wenn man ihn fragt, ob er dieses Ziel noch auf seiner Liste hat. “So Far Gone und die Berge dort werden nicht verschwinden. Es kann noch Jahre dauern, bis die Bedingungen für einen Trip dorthin stimmen. Aber ich habe jetzt gelernt, zu akzeptieren, dass ich warten muss, bis die Zeit reif ist, dorthin zu fahren.”

 

Mehr Extreme?