So war's! Reisende erzählen von Unterwegs

Wer nach Hause kommt, weiß was: Regelmäßig fragen wir Heimkehrer nach ihren Erlebnissen - wie es war und wo es war. Heute erzählen unter anderen Michael aus Tokio und Katharina aus New York.
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Illustration: Julia Schubert

Michael, 28, aus Oslo

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Illustration: Julia Schubert

Die Strecke Tokio - Oslo - München - Oslo Das nützlichste Gepäckstück Leichte, wasserabweisende Funktionsjacke Unterwegs hinzugelernt Unbedingt im sozialen Umfeld verbreiten, wo man hin fährt! Da ergeben sich die nützlichsten Kontakte - auf einmal steht man mit der japanischen Nichte der Nachbarsfrau in einer geheimen Bergschlucht, die man sonst nie gefunden hätte. Die erste Amtshandlung zu Hause Neugelernte Rezepte nachkochen Die Erzählung Eigentlich bin ich ja Däne, wohne aber zur Zeit aufgrund meines Jobs in Oslo. Ich vertrete einen Hersteller von Outdoor-Kleidung auf Messen in der ganzen Welt. Bis zu acht Mal im Jahr reise ich von Stadt zu Stadt und habe auf jeder Tour immer auch ein paar Tage Urlaub in dem jeweiligen Land. Gerade komme ich aus Tokio. Wir waren mit einem Team von sechs Leuten unterwegs. Wir dachten anfangs: Tokio - wieder eine Stadt wie so viele andere auch. Tatsächlich waren wir uns dann schnell einig: Tokio ist atemberaubend und mit nichts zu vergleichen, das wir vorher gesehen hatten. Alles ist ganz kleinteilig bunt, rast, quietscht und dudelt. Als befände man sich in einem verrückten Mangacomic. Die Toiletten haben Fernbedienungen, die Klobrillen sind mit Sitzheizung ausgestattet - man kann es sich richtig gemütlich machen auf dem Pott. Für Männer und Frauen gibt es unterschiedliche Hinternreinigungsprogramme - da spritzt es einem dann aus so kleinen Düsen entgegen. Ich konnte gar nicht alle Serviceknöpfchen ausprobieren, bei einigen Klos waren es schlichtweg zu viele. Und die Menschen sind so höflich - man hat den Eindruck da laufen ständig kleine Diener um einen herum, grinsend und stets zuvorkommend. Und die verbeugen sich! Was ich nie vergessen werde, ist der Neujahrsmorgen in Tokio. Wir stolperten aus dem Club und folgten den Japanern, die mit uns aus dem Club gingen und in zwei, drei Richtungen schwärmten. Sie verteilten sich auf die nächstgelegenen Tempel, um dort an den morgendlichen Neujahrszeremonien teilzunehmen. Was für ein Bild: Tausende Japaner in den Tempeln der Stadt, alle mit verschmierter Schminke und grauen Rändern unter den Augen, abgestöckelten High Heels und Glitzerperücken, total alkoholverduselt vor ihren buddhistischen Göttern. Es war rührend! Und ich werde das japanische Essen vermissen. Das Sushi ist unvergleichlich und ich weiß noch gar nicht, was ich ohne meine regelmäßige Ration an Kobe Beef machen soll. Kobe Beef ist sehr exklusives, japanisches Rindfleisch - ganz einheitlich durchzogen von Fett - fabelhaft aromatisch. Was mich erstaunt hat war der Umgang mit Prostitution in Japan. Wir gingen in eine augenscheinlich ganz normale Kneipe und da saßen mehrere Männer im Business-Anzug - zur rechten ein Bier, zur linken eine halbnackte Frau. Jemand erzählte uns, dass es anscheinend normal sei für den durchschnittlichen Japaner, sich nach der Arbeit noch etwas mit Stripperinnen zu vergnügen, bevor es zur Frau nach Hause geht.


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Illustration: Julia Schubert

Robert, 25, aus München

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Illustration: Julia Schubert

Die Strecke München - Hameln - New York - München Das Mitbringsel Tri-Dent Kaugummis mit Fruchtgeschmack, das sind die Besten Das nützlichste Gepäckstück Die dicken Wollsocken für den Nachtflug Das Beste am Zurückkommen Endlich wieder frische Semmeln und ordentlicher Kaffee. Die Erzählung Ich bin für meinen Studentenjob unterwegs gewesen. Ich arbeite für eine Knochenmarkspendenfirma, ich hole also Knochenmark an einer Stelle hier in Deutschland ab und überbringe es dann in das Krankenhaus auf der Welt, das es gerade benötigt. Der Abholort in Deutschland war diesmal Hameln. Dort habe ich einmal übernachtet und bin dann am nächsten Tag nach New York geflogen. Schon aufregend, man fühlt sich ein bisschen wie ein Geheimagent. Ich mache das erst zum zweiten Mal, obwohl ich es sicherlich noch viel häufiger machen könnte, wenn ich mehr Zeit hätte. Offiziell ist das ehrenamtlich - ein kleines Entschädigungsgeld bekomme ich aber doch, außerdem sind natürlich Aufenthalt und Flug umsonst. Ich habe dann meistens noch bis zu drei Tage Aufenthalt und kann mir die Stadt ansehen. Praktisch ist, dass meine Freundin in New York wohnt! Wir haben gar nichts Spektakuläres gemacht - sie arbeitet in einem Museum und betreute da jetzt gerade so ein Familienprogramm, an dem ich dann auch teilgenommen habe. Ansonsten waren wir mit ihrer Familie in einem amerikanischen Restaurant und danach mit Freunden etwas trinken. Was ich an New York sehr liebe, - mittlerweile aber auch kein Geheimtipp mehr - ist der High Line Park. Wo früher eine Bahn durch die Häuserschluchten New Yorks fuhr, ist jetzt ein wunderschöner Park entstanden. Man liegt dann quasi direkt zwischen den grasbewachsenen Schienen. Dieser altindustrielle 20er Jahre-Charme ist absichtlich bewahrt worden, das hat schon etwas sehr Besonderes. Es ist schön, wie etwas, das lange Zeit brach lag, jetzt so romantisch und sinnvoll genutzt worden ist, finde ich.


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Katharina, 21 und Hanna, 23, aus München

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Die Strecke München - New York - München Unbedingt machen Das Restaurant Schnitzel Schneider in der siebten Straße besuchen, dort gibt es zur Abwechslung mal kein Fast-Food sondern gutes, deutsches Essen. Und man wird zu fremden Leuten an den Tisch gesetzt: so ergeben sich neue Kontakte ganz einfach. Außerdem: jede Menge shoppen. Markenklamotten sind viel billiger als in Deutschland Die größte Überraschung Dass wirklich ALLES Supersize-Format hat. Nicht mal einen Keks bekommt man im handlichen Format und Getränke generell nur in 2l Flaschen. Die Erzählung Wir arbeiten beide in einer Bank und wollten einfach mal einen schönen, gemeinsamen Urlaub einlegen. Wir haben uns acht Tage lang ein Apartment in Manhattan gemietet und die Stadt erkundet. Gleich nach der Landung ging es auch schon los: Wir standen mitten auf dem Times Square und waren völlig verloren. Um uns raste eine hektische Stadt, alles blinkte und leuchtete und war wahnsinnig laut. Wir konnten unserem Subway-Plan keine nützlichen Informationen entnehmen und jeder Mensch, den wir um Hilfe fragten, wies uns in eine andere Richtung. Selbst die Polizei. Dass die alle keine Ahnung von ihrer Umgebung haben, ist uns auch am Ende auf dem Weg zum nach Newark Airport wieder aufgefallen. Die wissen anscheinend nicht, wie ihr Land von oben aussieht. Schließlich fanden wir unser Ziel am ersten Tag dann doch noch, der Besitzer des Apartment sperrte uns auf. Am nächsten Tag gingen wir auf das Empire State Building. Es empfiehlt sich tatsächlich, das als erstes zu machen. Man bekommt einen super Überblick über die Stadt. Abends mussten wir leider feststellen, dass unsere Schlüssel unser Apartment nicht öffneten - der Besitzer hatte am Tag zuvor mit seinem Schlüssel aufgeschlossen und musste uns die falschen dagelassen haben. Wir klingelten mitten in der Nacht bei den Nachbarn. Die waren sehr freundlich und das ist das Schöne an Amerika: immer sind die Leute freundlich und bemüht. Der Amerikaner sagt ja zum Beispiel immer: „Enjoy your time“ oder „Enjoy yourself“, wohingegen der Deutsche nur „Schönen Urlaub“ sagt. Die amerikanische Variante ist viel persönlicher und tiefgreifender, da fühlt man sich gemeint und motiviert, jede Sekunde zu genießen. Das liegt bestimmt daran, dass es den Amerikanern insgesamt einfach schlechter geht als den Deutschen und die deshalb den Umgang miteinander, den jeweiligen Moment und die Kleinigkeiten des Lebens viel intensiver schätzen.


Valeria, 19, und Simon, 20, aus Mailand

Die Strecke Mailand - Hamburg - Berlin (zu Fuß) - Mailand - München Der meistgehörte Satz „Woooaaah!“ von mecklenburgvorpommerschen Schulkindern am Straßenrand. Die beste Erkenntnis Irgendwie sind doch alle Menschen gleich, egal woher sie kommen. Und: das süße, italienische Frühstück ist das einzig Wahre - wer braucht morgens Wurst und Käse? Plan für die erste Tat zurück zu Hause Mehr über die deutsche Geschichte erfahren und gleich den nächsten Deutschland-Urlaub planen. Die Erzählung Wir waren für das Nachtreffen einer Aktion, an der wir im November teilgenommen haben in München und fliegen jetzt zurück nach Mailand. Als im November die European Music Awards in der Berliner O2 Arena stattfanden, konnte man in ganz Europa an Castings teilnehmen, um dort hinfahren zu dürfen. Man musste singen und tanzen. Wir haben einfach mal zum Spaß mitgemacht in Mailand. Plötzlich bekamen wir die Nachricht, dass wir gewonnen hatten und wurden gleich darauf nach Hamburg geflogen. Von dort aus sind wir mit den hundert anderen Gewinnern zwei Wochen lang zu Fuß von Hamburg nach Berlin gelaufen. Querfeldein, alle hundert Jugendlichen in blauen Kapuzenpullis, über die Wiesen und durch die Wälder Mecklenburg-Vorpommerns. Geschlafen haben wir in kleinen Pensionen. Es war sehr interessant, durch die alte DDR zu laufen und die alten, teils noch sehr heruntergekommenen Dörfchen zu entdecken. Es war aber auch schweinekalt, obwohl das in Mailand zur Zeit ja nicht anders ist. Wir sind eine richtige Familie geworden, eine hundertfache Geschwisterschaft. Es gibt gar kein spezifisches Highlight, weil jede Sekunde aufregend war, wir sind von einer in die nächste tolle Situation geraten. In Berlin waren wir nur zwei Nächte. Die Clubs in denen wir waren, waren allerdings nichts Besonderes, wahrscheinlich typische Touristenclubs, in die ein Einheimischer keinen Fuß setzen würde. Das Nachtreffen war total emotional und nostalgisch, wir sind fast traurig, dass alles vorbei ist. Die blauen Kapuzenpullis sind jetzt unser Heiligtum.

Text: mercedes-lauenstein - Fotos: Autorin

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