Der nächste Step

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Barcelona im Juni 2007, Sónar-Festival. Gut 8.500 Besucher werden Zeugen einer historischen Stunde: In dieser katalanischen Nacht geht der internationale Stern des Dubstep auf. Die britische DJane Mary Anne Hobbs hat ein Programm kuratiert, in dem sie und ihre Kollegen Kode9, Skream und Oris Jay den frischen Sound von der Insel aufs Festland exportieren. Zum ersten Mal massieren voluminöse Dubstep-Bässe die Mägen internationaler Festivalgänger. Viele davon stehen das erste Mal vor der Herausforderung, sich auf verschachtelte Beats in halbiertem Tempo zu bewegen. Sie nehmen die neue Musik an; Dubstep, der zuvor jahrelang in britischen Clubs gedieh, etabliert sich endgültig als Genre der elektronischen Musik.



Fünf Jahre ist das nun her und offensichtlich hat sich einiges geändert: „Es ist fast schon lustig, mit dem Wort 'Dubstep' umzugehen“, meint Gernot Bronsert vom Berliner Rave-Duo Modeselektor. Auf ihrem Label 50 Weapons veröffentlichen die beiden Musik, die mal

, mal weniger von Dubstep beeinflusst ist  – ohne dass man ihr gleich krampfhaft diesen Stempel aufdrücken müsste: „Der Begriff wird stark gedehnt und ist mittlerweile zu einer Worthülse geworden.“ Mit dieser Meinung sind Modeselektor nicht allein. Der britische Produzent Untold findet es „wirklich seltsam“, den Begriff zu benutzen. Steve Goodman, der als Kode9 beim historischen Dubstep-Showcase auf dem Sónar vor fünf Jahren dabei war, schert sich ebenfalls nicht mehr um diese Genre-Bezeichnung.

Was ist passiert? War Dubstep nur ein Strohfeuer, das nach 2007 einfach von den nächsten Trends ausgepustet wurde? „Ich liebe Dubstep immer noch“, gesteht Jack Dunning aka Untold. „Aber ich gehöre eher zur zweiten oder dritten Generation des Genres. Eigentlich standen wir immer etwas außerhalb und machten, was andere nicht getan haben. Wir haben mit verschiedenen Elementen gespielt – es gab kein striktes Muster, wie die Musik zu sein hatte.“ Mit „wir“ meint

eine ganze Riege von Musikproduzenten, zu der beispielsweise auch

oder

zählen. Sie alle haben ihre Wurzeln in der Musik, die Anfang der 2000er-Jahre in London entstand, auf Dubstep getauft und 2007 in Barcelona gespielt wurde. Aber sie entwickelten sie weiter, indem sie sich vom halbierten Tempo lösten oder neue Sounds aus anderen Genres einflochten.

James Blake sorgte Anfang 2011 mit seinem Song

, der vom ursprünglichen Dubstep eigentlich nur noch einen kurzen Part mit einem tief pulsierenden Bass enthält, für Aufsehen. Der schwammige Begriff Post-Dubstep machte die Runde. Kurz zuvor war (nicht nur) in den USA der harte, wobble-lastige „Brostep“ mit seiner Ikone Skrillex[/link] explodiert. Vielen Dubstep-Produzenten ist dieser Stil zu einseitig und kommerziell – infolgedessen verzichten sie lieber ganz auf den Genre-Begriff, um Missverständnisse zu umschiffen. Dubstep hat sich in den vergangen Jahren also immer weiter verästelt. Es sind Gegensätze entstanden, der ursprüngliche Name – oder dessen Eindeutigkeit – scheint dabei verloren gegangen zu sein.

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Illustration: Julia Schubert

James Blake auf dem Sónar 2012

Barcelona im Juni 2012, wieder ist Sónar. James Blake spielt keine Live-Show sondern ein DJ-Set – hauptsächlich aus Dubstep-Tunes mit Einflüssen von R&B bis zu dunklen Clubsounds. Untold legt Techno auf, der von Dubstep aber deutlich beeinflusst ist. Mary Anne Hobbs präsentiert diesmal den Produzenten und DJ Blawan, der Halftime-ähnliche Beats zwischen straighte Technorhythmen mixt. Auch die Live-Show von Nicolas Jaar kommt nicht ohne dezente Dubstep-Anklänge aus. „2012 ist Dubstep viel fester ins Festival integriert und steht nicht als einzelnes Genre da“, beschreibt Georgia Taglietti aus dem Sónar-Team den Status Quo. „Es hat sich mittlerweile mit verschiedensten musikalischen Welten überkreuzt.“

Begreift man das Sónar als Barometer für aktuelle Trends und längerfristige Entwicklungen in der elektronischen Musik, hat man in diesem Jahr eine Ahnung davon bekommen, was mit Dubstep passiert ist. Und sie entwickelt sich weiterhin rasant. Es steht gut um das ehemalige Genre, das zurzeit keinen Namen hat. Oder um es mit Untold zu sagen: „Lasst uns damit weitermachen – es wird etwas passieren! Benennen können wir es später!“ Oder einfach gar nicht...

Text: friedemann-dupelius - Foto: Juan Sala

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