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Foto: adobe stock

Wer kann sich noch an diese drei heimtückischen Hilfslinien im Schulheft erinnern, zwischen denen sich mehr oder weniger kunstvoll geschnörkelte Buchstaben zu einem Gesamtwerk fügen sollten, um dann vom prüfenden Lehrerauge als Sauklaue abgestraft zu werden? Zu seiner Verteidigung zählt aber natürlich die unverschuldete Unwissenheit, dass ein Schreibschrift-z auf keiner Tastatur zu finden ist und wir heute höchstens für den Geburtstagsgruß an die Oma zum Stift greifen. Aus dem Löschpapier wird die Delete-Taste und die Autokorrektur ersetzt den Duden.

 

Handschrift enthüllt Persönlichkeit – und Digitalschrift?

Macht es dann überhaupt noch Sinn, den Grundschulkindern heute die klassische Schreibschrift beizubringen, wenn nicht abzusehen ist, dass wir für die Masterarbeit oder den Mietvertrag bald wieder zum Füllfederhalter greifen? Aus pädagogischer Sicht ist die Schreibschrift kein überflüssiges Relikt des analogen Zeitalters und wird deshalb auch heute noch an vielen Schulen unterrichtet. Aber spätestens beim ersten heimlichen Liebesbriefchen unter der Bank spielen die Buchstaben sowieso keine Rolle mehr und im Laufe der Jahre verselbstständigen sich die mühevoll einstudierten Schnörkel und Bögen zu einer persönlichen Handschrift. Und die fällt dann der Tastatur zum Opfer. Evolution halt.

 

Alles sieht gleich aus, muss es aber nicht

Obwohl wir uns heute immer intensiver mit Design und Ästhetik beschäftigen, unsere eigenen Webseiten bauen, den Porträtfilter über die Urlaubs-Selfies legen und das Nutella-Glas selbst gestalten, sehen unser E-Mails und WhatsApp-Nachrichten irgendwie alle gleich aus. Nur ein Absendername und der teilweise auslegungsbedürftige Einsatz von GIFs und Emojis lassen eine Schlussfolgerung auf den Verfasser zu. Daran können wir auch akut nichts ändern. Dennoch müssen wir uns aber nicht überall in der digitalen Welt mit einem faden Einheitsbrei an Schriften zufriedengeben.

 

Schrift wirkt – aber wie?

Mittlerweise gibt es hunderttausende Schriften im Internet, die uns zum Download zur Verfügung stehen und unsere Worte in eine kleidsame Hülle verpacken. Der Eine mag es elegant, der Andere schlicht und der Dritte vielleicht opulent. Eine Schrift kann die Persönlichkeit des Absenders, aber auch den Inhalt des Texts unterstreichen – oder das Gegenteil bewirken. Eine Masterarbeit in Maschinenbau oder eine Hausarbeit in Kunstgeschichte erinnern eher an ein überlanges lyrisches Werk, wenn sie in einer eleganten Schrift mit vielen Serifen und Punzen wie der Didot verfasst werden. Da bietet sich eine neutrale Schrift wie die Fira Sans oder die Interstate besser an. Wenn der Prof die Arbeit am Rechner liest, ist das auch noch einmal was anderes, als wenn er das Werk ausgedruckt mit dem Rotstift bearbeitet. Ausgedruckt sind nämlich Schriften mit Serifen angenehmer und flüssiger zu lesen. Dafür eigenen sich beispielsweise die Garamond, die Caecilia oder die Minion.

 

Schade ist es auf der einen Seite schon, dass wir unsere Handschrift fast nirgendwo mehr brauchen. Andererseits haben wir durch die riesige Schriftauswahl im Netz tolle Alternativen. Und immerhin gibt’s ja noch die Unterschrift. Ach nee, wie war das gleich nochmal mit Google Pay?