Wie könnt ihr keine Angst haben?

„Ich streike, bis ihr handelt“, steht im Twitter-Account von Jakob Blasel, einem der Köpfe der Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland.

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Wenn die Frage gestellt wird, ob die Leute Angst vor dem Klimawandel haben, dann sage ich: „Wie könnt ihr keine Angst haben?“. Wir haben im Juni 2019 eine CO2-Uhr vor dem Deutschen Bundestag in Berlin aufgestellt. Sie zeigt das CO2-Budget, das Deutschland noch bleibt und alle 35 Sekunden verlieren wir eine Kilotonne. Wenn wir so weitermachen, ist es in acht Jahren verbraucht und dann müssen wir entweder komplett aufhören, CO2 auszustoßen – was bedeuten würde: keine Flüge mehr, keine Autos mehr – oder in diesen acht Jahren haben wir es geschafft, unseren Planeten zu zerstören. Wie kann man davor keine Angst haben? Es ist auf jeden Fall ein ziemlicher Verlustkurs, auf dem wir uns befinden und in den vergangenen Monaten wurde zwar viel über das Klima gesprochen, aber ist wirklich etwas passiert? Ich sehe keine Maßnahme, die auf Bundesebene auch nur ein einziges Gramm CO2 eingespart hat.

„Nicht nur wir, sondern eine überwältigende Mehrheit in der Gesellschaft hat erkannt: Wir müssen Angst vor der Zukunft haben, wenn Klimapolitik weiter verhindert wird. Das müssen wir am 20. September zeigen. Schüler*innen schaffen das nicht alleine. Es braucht #AlleFürsKlima

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Sicher auch durch unser Engagement ist vielen klar geworden, dass das Thema Klimakrise gerade wichtig ist und dass alle sich damit beschäftigen müssen. Aber was meinem Empfinden nach noch nicht angekommen ist, ist die Dramatik, die damit verbunden ist. Die Klimakrise kann unsere Lebensgrundlage vernichten und ich hoffe, dass das alle so ernst nehmen wie ich. Ich stand da im Dezember 2018 mit ein paar Freunden und wir waren irgendwie Kinder. Wir kannten die Fakten und wussten, dass Kohlekraft die Klimakrise verschärft und haben gehört, was in der Kohlekommission abgeht, dass ein Ausstieg für 2038 geplant wird – viel zu spät. Und deshalb haben wir einfach gemacht, was wir für richtig gehalten haben und sind auf die Straße gegangen. Wir haben einfach gehandelt und hatten das Gefühl, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Und erst hat nur die Lokalzeitung über uns berichtet, dann kam die Botschaft irgendwann auch im Kanzleramt an. Wir alle müssen gemeinsam handeln, um nicht in einer Welt zu leben, in der Hitzesommer die Regel sind und Klimaanlagen eine wahnsinnige Ironie – eine Welt, in der wir fürchten müssen, was in der Zukunft passiert. Wenn wir aus dem Fenster schauen, mag die Welt heute in Ordnung aussehen – aber das tut sie vielleicht bald nicht mehr. Deswegen müssen wir alle dieses Thema ernst nehmen und zu einem gesellschaftlichen Konsens machen und zu Politik. Und diese Politik muss eine Gesellschaft formen, die die Krise nicht einfach weiter auf uns zukommen lässt, sondern fähig ist, Wandel und Zukunft mitzugestalten.

An alle Erwachsenen, die sich in Zukunft fragen werden: Was habe ich eigentlich getan, als wir die größte Krise der Menschheit noch verhindern konnten? Streikt mit uns am 20. September! #FridaysForFuture https://www.sz.de/1.4459464

Seit vielen Monaten gehen Schüler auf die Straße und wir überlegen auch, wie wir das noch mehr verschärfen und noch mehr zeigen können. Aber ich weiß auch nicht mehr, was man alles noch tun kann um irgendwie zu verdeutlichen, dass wir in einer Krise stecken und nur verdammt wenig Zeit haben zu handeln. Man hört uns zu, weil wir eine Wahrheit mitbringen: Wir sagen das, was Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler seit Jahrzehnten sagen. Nicht viel mehr und nicht viel weniger. Und wir sagen: Wir brauchen einen politischen Wandel – irgendeine Veränderung, bei der sich entweder die Wirtschaft an die Klimakrise anpasst und beispielsweise Emissionshandel und eine hohe CO2-Steuer eingeführt werden oder wir brauchen ein System, das ohne eine Wirtschaft auskommt, die nicht bereit ist, sich daran anzupassen. Vielleicht ist es jetzt schwer, mehr Steuern zu zahlen, aber in zwölf bis 20 Jahren werden wir ein viel größeres Problem haben, wenn es Dürren gibt und wir kein sauberes Trinkwasser mehr haben.

Was wir sicher wissen: Noch 2019 müssen möglichst viele Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Laut Fraunhofer Institut ist es realistisch, noch in diesem Jahr ein Viertel der Werke vom Netz zu nehmen. Dazu müsste ein entsprechendes Gesetz beschlossen werden oder die zweite, viel einfachere Maßnahme ist eine CO2-Steuer – die muss sofort kommen und sie muss so hoch sein wie die realen Kosten des Emissionsausstoßes. Es kann nicht sein, dass wir uns auf einen Emissionshandel verlassen, der nur Kraftwerke abdeckt und lediglich einen Bruchteil der realen Kosten einsammelt, die pro Tonne CO2 180 Euro betragen

#NoMorePillepalle  heißt Verantwortung übernehmen! Wer dazu Input braucht, hier: https://fridaysforfuture.de/forderungen/

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Ich weiß auch nicht mehr, wann der Punkt kommt, an dem wir alle nicht mehr nur sagen „Klimawandel ist uns wichtig“, sondern an dem wir alle sagen: „Wir haben Angst und wir handeln dementsprechend und legen alles, was wir tun, danach aus, dass wir in einer Krise stecken“. Wenn Experten sagen, man darf nicht solche Katastrophen an die Wand malen, weil die Leute sich dann erst recht nicht mehr bewegen, dann denke ich: So zu reden schadet nur dann, wenn man keine Handlungsoptionen hat. Wenn alle sagen: „Hey, wir machen gemeinsam was gegen den Klimawandel und fahrt doch alle mehr Fahrrad!“, dann ist das schön, aber es löst das Problem nicht.

Dass unsere Bewegung wächst ist toll, aber der Punkt ist:  Wir haben eigentlich alles gesagt. Wir stecken in der Krise und jetzt müssen alle Menschen in Deutschland und der Welt das in die Hand nehmen. Wir als „Fridays for Future“ können das allein nicht stemmen – also sorry, wir können diese Aufgabe nicht zu Ende bringen. Schulstreiks sind letztlich nur dazu da, um ein bisschen zu stören. Die Aufgabe von uns allen ist es, diese Dramatik nach außen zu tragen. Deshalb sind alle eingeladen, zum globalen Aktionstag am 20. September auf die Straße zu gehen. Wir müssen alle verstehen, dass wir jetzt handeln müssen. Wir haben nur einen sehr, sehr kurzen Zeitraum, in dem wir im Prinzip unsere gesamte Wirtschaft und Gesellschaft umgestalten müssen – oder das Klima macht es für uns und darauf habe ich keine Lust.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Gedanken und Meinungen, die bei Hans & Marie zu hören waren. Hans & Marie ist das jährliche Business Festival der Syzygy Gruppe in Partnerschaft mit der Süddeutschen Zeitung.

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