Der Geschmack von tausend Colaflaschen

Seit Beginn der EM gibt es in Österreich und der Schweiz die "Red Bull Cola". Eine Stilkritik
philipp-mattheis
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Illustration: Julia Schubert

Kokain, 16 Stück Würfelzucker, zahnschmelzzersetzende Substanzen – und niemand weiß genau, was in einer Coca Cola steckt. Auf jeden Fall aber der Teufel des Kapitalismus. Aber genau der ist für ein alpenländisches Konkurrenzprodukt verantwortlich, das in den nächsten Wochen den deutschen Markt energetisieren soll: Die Red Bull Cola. Eigentlich liegt ja für einen Hersteller von Energydrinks nichts näher, als eben auch eine „Cola“ zu produzieren. Schließlich versteht man sich bestens auf’s Reinballern mittels Zucker und Koffein. Aber beim Angriff auf „Coca“ ist Vorsicht geboten und der Weg dorthin mit nischigen Cola-Leichen namens Afri, Topstar und Pepsi gepflastert. Seit Beginn der EM gibt es die RBC in Österreich und der Schweiz, Deutschland soll bald folgen. Das einzige, was sie im Regal der Tankstelle von einer gewöhnlichen Dose Red Bull unterscheiden wird, ist eine farbliche Nuance: was bei Red Bull silber war, ist bei der RBC-Dose rot. Neben dem Namen prangen auf der Dose noch drei weitere Worte. Sie lauten: „simply“, „strong“ und „natural“, ersteres kursiv, letztere in Versalien gedruckt. In der Natur und in der Einfachheit liegt die Stärke. Eine 180-Grad-Drehung der Dose verfestigt diesen Eindruck: „100 % natürlicher Herkunft“ wird dort versichert und viermal betont, was die RBC nicht enthält: Phosphorsäure, Konservierungsstoffe, künstliche Farbstoffe und künstliche Aromen. Die Natürlichkeit aber ist noch nicht zu Ende. Während sich Mythen um die exakte Rezeptur der „Coca Cola“ ranken, erinnern uns die „Zutaten“ der RBC eher an das Kochrezept eines Thai-Currys: Galgant, Vanilleschoten, Ackerminze, Senfsamen, Nelke, Muskatblüte, Pinie und Kardamon – um nur einige zu nennen. Für einen Moment wird der Neo-Öko in seiner Weltsicht bestätigt: Einfach ist gleich Natürlich ist gleich am besten. An Mutter Natur kommen Glutamat und Geschmacksverstärker niemals ran. Für einen Moment würde man die RBC mit ihren Wurzelextrakten, exotischen Samen und Kräutern im Getränkeregal des Biomarktes stehen sehen. Das wäre mal was! Dann nimmt man den ersten Schluck und weiß, dass das alles Blödsinn ist. RBC schmeckt nach geschmolzenen Colaflaschen-Gummibären. RBC ist zum Reinballern da. Ihr Revier wird das ihres großen Bruders sein: Tankstellen und Großraumdissen.

Text: philipp-mattheis - Foto: Katharina Bitzl

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