Die Crocs kommen

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Eines der größeren Dilemmata der neueren Menschheitsgeschichte entsteht sommertäglich durch das anrüchige Aufeinandertreffen von schwitzenden Füßen und festen Schuhen. Die von der Schuhindustrie angebotenen Lösungen sind bis heute entweder ästhetisch (Sandalen) oder funktional (Flipflops) unbefriedigend und die Verwendung von vermeintlich luftigen Materialien wie Baumwolle und Leinen, schiebt das Geruch-Problem nur auf. Das einzig richtige, das Barfusslaufen, ist in betonierten Abschnitten der Erde ein zweifelhaftes Vergnügen und wird nicht in allen Situationen goutiert. Die gesamte beschuhte Gesellschaft wartet deswegen auf eine Stinkeschuh-Lösung, mit Ausnahme der Nordamerikaner, denn die haben sie bereits gefunden. Sie kaufen seit einigen Monaten in gewaltigen Mengen schuhähnliche Produkte der Marke Crocs.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Croc ist ein Clog aus Kunststoff, genauer gesagt aus einem Zell-Granulat, der genau aussieht wie das, was in deutschen Baumärkten als Gartenschuh vertrieben wird: Der Plastikabguss einer Pantoffel. Im Zehenbereich haben Crocs große Löcher, durch die Luft den vorderen Unterfuß erreicht und eventuell dennoch auftretende Flüssigkeit seitlich abgeleitet wird. Ursprünglich wurden die unförmigen Botten für den Wassersport entwickelt, für Canyoing und Segeln, wo ein wasserfester Schlagschutz an den Füssen nötig ist, der sogar auch noch schwimmt. Aus dem Sportbereich hat sich der Croc aber hin zum idealen Begleiter im US-amerikanischen Alltag geschlappt. Er ist nahezu unendlich belastbar, auch für fette Füße bequem, das Granulat passt sich via Körperwärme dem Fuß an, man kann morgens in die Crocs reinschlurfen und muss sie den ganzen Tag nicht mehr ausziehen – Duschen, Shoppen, Automatikautos fahren, Strandspaziergang, Eis und Ketchup drauf tropfen - überall haben sich die Crocs bewährt. Außerdem sind sie mit Preisen ab 39 Dollar günstig und die ganze Familie ist schnell unisex damit bestückt. Viele bunte Farben lassen ein erträgliches Maß an Entscheidungsmöglichkeit und nicht nur das Fußklima, sondern auch alle Form- und Dessinfragen, die den Schuhkauf bisher zu einer passablen Leistung adelten, sind mit den Crocs geklärt. Promimäßig durchgewunken wurden die Funktions-Pantoffeln bereits, an den Füßen von Matt Damon oder Nicole Appleton zum Beispiel. Damit haben die Crocs das Unterschichten-Stigma locker umschifft, an dem einst vermutlich der Siegeszug der Trekkingssandale scheiterte. Dass die Crocs dabei klumpig und unelegant sind, scheint im Meer ihrer Vorzüge unterzugehen und auf nichts anderes zu deuten, als dass die allgemeine Ästhetik gegenüber der individuellen Gemütlichkeit zunehmend ins Hintertreffen gerät.

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