Die Gesichtsbemalung

Ob französische Studenten oder Kriegsgegner in Washington - bemalte Demonstrantengesichter sind derzeit in allen Nachrichtensendungen und Zeitungen zu sehen. Eine Analyse der Kriegsbemalung.
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Am häufigsten sind derzeit junge französische Mädchen zu sehen, die sich ein durchgestrichenes CPE oder ein großes NON! auf Stirn und/oder Wangen gemalt haben.

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Illustration: Julia Schubert

Wichtig scheint dabei vor allem zu sein, dass die Mädchen im Augenblick des Fotografierens den Mund weit aufgerissen haben: Sprechchöre! Gesang! Wut! Diese Bilder vermitteln so viel - und erinnern einen gleichzeitig daran, doch dringend mal wieder einen Termin beim Zahnarzt auszumachen.

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Illustration: Julia Schubert

Beim Auftragen der Protestparolen wird unterschiedlich viel Aufwand getrieben. Als Hilfsmittel dienen sowohl gewöhnliche Filzmarker aus dem eh für die Vorlesung gepackten Tornister ...

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Illustration: Julia Schubert

... wie farblich perfekt mit dem Make-Up abgestimmte Spezialprodukte aus Häusern wie Estée Lauder oder Lancome.

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Illustration: Julia Schubert

Generell ist auffallend, dass, wenn gerade keine Bilder mit weit aufgesperrten Mündern verfügbar sind, die Bildredakteure in den Zeitungen des Landes stets dem gleichen Reflex folgen: So wie zum Frühlingsanfang stets zwei junge attraktive Mädchen gezeigt werden, die an einem Brunnen sitzen und Eis schlecken (vgl. Max Goldt: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau), werden auch bei gesichtsbemalten Demonstranten bevorzugt die jungen, weiblichen, attraktiven Exemplare gezeigt.

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Illustration: Julia Schubert

Bilder von männlichen Protestanten mit Farbe im Gesicht, sucht man - zumindest in der deutschen Presse - vergeblich. Vielleicht ist das auch von Vorteil ...

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Illustration: Julia Schubert

Jungen scheinen sich aber auch generell seltener das Gesicht bemalen zu lassen, daran hat auch das handgecremte Gespenst der Metrosexualität nichts geändert. Der männliche Wendehals weiß auch, dass es hilfreich sein kann, seine Überzeugung notfalls schnell zu wechseln, kurz bevor der Polizeiknüppel auf dem eigenen Jochbein Sirtaki tanzt - und bevorzugt deshalb Aufkleber, die sich, sobald das erste Tränengas-Aroma in der Luft wahrnehmbar ist, spielend leicht entfernen lassen.

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Illustration: Julia Schubert

Wenn sich junge Männer zum Akt der Körperbemalung hinreißen lassen, geschieht dies meist nach den gleichen Prinzipien wie alles in ihrem Leben: Laut, theatralisch, wehleidig und effektheischerisch muss es sein.

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Wieder andere Demonstranten, die die Hautunreinheiten scheuen, die Gesichtsbemalung mit fetthaltigen Stiften hervorrufen kann, streifen sich in einer geschickten Variante der Mimikri gleich komplett das Antlitz des je nach Laune zu feiernden oder zu schmähenden Despoten über.

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Illustration: Julia Schubert

Der Akt der Gesichtsbemalung funktioniert dabei interessanterweise international und kulturübergreifend. Wie die beiden folgenden Bilder zeigen, wird in südeuropäischen Ländern (oben Griechenland, unten Italien) mehr Wert auf Flächigkeit und künstlerischen Ausdruck als auf platte Parolen und bürokratische Buchstaben-Kürzel gelegt.

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Illustration: Julia Schubert

Einzig in Weißrussland ließ sich trotz des erhöhten Demonstrationsaufkommens in den vergangenen Tagen kein Fall der Gesichtsbemalung dokumentieren. Die Menschen dort wärmen sich lieber mit Fahnen und tragen altes Merchandise des Musiksender VIVA auf.

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Dabei hatte Staatschef Alexander Lukaschenko die Demonstranten im Vorfeld extra noch ermutigt, Farbe auch im Gesicht zu bekennen. Und für diejenigen, die mit dem Ritual noch nicht vertraut sind, noch einmal aufgezeigt, wo die Bemalung exakt aufzubringen sei.

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Doch nicht nur hehre Ziele wie Freiheit, korrekte Stimmauszählung und einen Praktikumsplatz mit Aschenbecher werden mit Farbe im Gesicht eingefordert: Auch der Kommerz hat die einem ungebremsten Güterzug ähnelnde Kraft das Protest-Make-Ups begriffen. So lassen beispielsweise Onlinecasinos ihren Namen auf Frauenstirnen tätowieren.

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Und die Spiele der Fußball-WM, an denen Ecuador teilnimmt, müssen eine halbe Stunde später angepfiffen werden, da die Fans für das Dekorieren ihres Geischts in den 1,2 Millionen Landesfarben mehr Zeit benötigen als ihre deutschen oder polnischen Kollegen.

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Illustration: Julia Schubert

Fotos: AP, AFP, Reuters, dpa

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