Postkoitale Typen

Wie man sich nach dem Sex verhält, versuchte uns schon die Bravo in unserer Pubertät beizubringen. Genützt hat das nicht bei allen, denn es gibt sie immer noch: Die postkoitalen Alles-Falsch-Macher
michele-loetzner
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Illustration: Julia Schubert

Da ist im Bett nicht alles in Butter! Szene aus dem französisch-italienischen Spielfilm "Eine Frau ist eine Frau" Manöverkritik Kaum hat es sich ausgejauchzt, wird mit entspannt liberalem Gesichtsausdruck rezensiert. Schließlich kommentieren diese Menschen ja auch die Kinowerbung und das Erscheinen des IKEA-Katalogs ausgiebig - warum dann nicht auch den Sex? Könnte ja sein, dass da irgendwas noch unausgesprochen ist. „Also Schatz, wie du dann so von schräg und dabei mit beiden Händen, das war echt für mich ganz intensiv. Vielleicht können wir beim nächsten Mal damit anfangen...“ Sollte es so etwas geben wie eine postkoitale Magie, ist sie nach solchen Sätzen für immer vergrault. Indem der Partner ausgiebig gebeten wird, zu sagen, was für ihn gut und was falsch war, bekommt der Sex hier den Geschmack einer geschäftlichen Konferenz, in der „good news, bad news“ der vergangenen Arbeitswoche besprochen und vom Teamleiter mit eingefrorenem Lächeln als „konstruktive Manöverkritik“ aufgenommen werden. Bestätigt fühlen sich die „drüber reden“-Typen in ihrer Unart von nahezu allen Sexratgebern, deren Lektüre sie immer wieder fesselt. Lieber sollten sie mal in Wittengstein reinlesen, der sagt nämlich: „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Der sterile Duscher Der sterile Duscher hat ein eigenes Ereignisschema in seinem Kopf. Präzise muss der Geschlechtsverkehr nach einem bestimmten, fein berechneten Muster ablaufen. Überraschungen mag er nicht. Die große Liebe zu Hygiene und Sauberkeit wird schon vor dem eigentlichen Geschlechtsakt kenntlich gemacht. Blitzesauber und nach Seife riechend zaubert er oder sie bei leichten Anzeichen für einen folgenden Flüssigkeitsverlust ein Handtuch hervor und platziert es zwischen Matratze und Körper. Schließlich will ja hinterher keiner auf der nassen Stelle schlafen. Ist der Koitus dann beendet, springt der Duscher sofort auf und rennt ins Bad. Das Sperma muss weggewaschen werden und mit ihm die Sünde, die begangen worden ist – oder so ähnlich. Nachdem er seine antiseptische Aura zurückerlangt hat, kehrt er an den Ort des Geschehens zurück und als Frau wartet man eigentlich nur noch darauf, dass er gleich Geldscheine auf den Nachttisch legt und einen bittet, doch schnell zu helfen, die Bettwäsche auszutauschen. Der Umdreher Dass Sex trotz aller freigesetzten Energien insgesamt nicht stimulierend wirkt, sondern ermüdend, gehört zu den hübscheren Paradoxien der Biologie. Dabei ist es auch philosophisch betrachtet gar nicht verkehrt, wenn auf wildes Herzklopfen postwendend sanfter Schlummer folgt – was soll sonst nach einem orgiastischen Höhepunkt (sic!) kommen, das nicht unendlich banal und weltlich wirkt? Nur der Schlaf, der alte Gleichmacher, mit seinen weichen Konturen fängt das Erlebte würdig auf, verdaut es in netten Träumen, regeneriert die Kräfte und setzt alles wieder auf Null. Deswegen ist es ungerecht, dass er im Zuge der sexuellen Ironisierung zum männlichen Trögheitsattribut verunglimpft wurde. In Wirklichkeit ist das rasche Einschlafen nach dem Sex eine zutiefst harmonische und luxuriöse Lösung, die man sich öfter gestatten sollte Der Kuschler Schenkt man den unzähligen Frauenzeitschriften dieser Erde Glauben, wollen alle Frauen nach dem Sex kuscheln, während Männer sich am liebsten einfach nur umdrehen und damit jeden weiteren Körperkontakt vermeiden würden. Geht man vom besten Fall aus, sind beide gleichzeitig gekommen und kleben nun vollkommen erhitzt und nach Luft schnappend aneinander. Wer will denn da noch groß kuscheln? Das primäre Ziel nach dem Geschlechtsakt ist Sauerstoff und den bitte in rauen Mengen. Da ist Kuscheln nur hinderlich. Die Kuschler gibt es mit Sicherheit trotzdem, aber diese Eigenschaft ist nicht ausschließlich an das weibliche Geschlecht gebunden. Mit Hingabe krallt er sich nach dem Orgasmus an seinen Partner und streichelt mit einem treudoofen aber fordernden Blick jegliche erreichbare Körperstelle. Der Blick will sagen: Du musst mich lieb haben. Versucht sich der Partner aus dem Schwitzkasten zu befreien, wird das mit einem enttäuschten Seufzer kommentiert. Der Selbstlose Der Geschlechtsverkehr hat sein ganz eigenes, natürliches Timing. Der Selbstlose verpasst dank seines schlechten Zeitgefühls leider immer das Ende. Es liegt in der Natur des Mannes mit dem Problem konfrontiert zu sein, dass seine Partnerin nicht immer ganz so flux ist wie er selbst. Weil er sich deswegen schlecht fühlt, ist er hochmotiviert, seiner Gespielin die gleichen Freuden zu bereiten, wie sie zuvor ihm. Mit einer Ausdauer und Verbissenheit versucht er nun in möglichst kurzer Zeit durch übereifrigen Körpereinsatz die Frau dorthin zu bringen, wo sie doch eigentlich schon vor 15 Minuten hätte sein sollen. Ein ehrliches Interesse an der Person zeigt er dabei aber nicht, tarnt er doch sein Pflichtgefühl und die Enttäuschung vom eigenen Können mit gönnerhafter Selbstlosigkeit. Mit einer unbeirrbaren Sturheit werden alle Register des kleinen Sexeinmaleins gezogen, die er sich über die Jahre angeeignet hat. Dummerweise sind die Erfolgschancen eher gering. Irgendwann hat jede Erregungskurve ihren Höhepunkt erreicht, der nicht zwangsweise der Orgasmus sein muss. Für den Selbstlosen zählt der Sex aber nur, wenn er seiner Partnerin nichts schuldig bleibt. Zusammenstellung: fabian-fuchs & michele-loetzner Bild: dpa

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