Stilogramm: Die moderne Version des Schlaraffenlandes

Da fliegt einem das Essen quasi direkt in den Mund. Auch praktisch: Es gibt keine Speisekarten, die Entscheidungen erfordern. So müsste es eigentlich in allen Restaurants sein
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Es gab einmal ein Land, in dem Milch, Honig und Wein statt Wasser durch Gewässer flossen. Tiere hüpften bereits vorgegart und mundgerecht durch die Luft. Die moderne Version des Schlaraffenlandes findet man in Sushi-Lokalen, wo das Flussbett durch ein Laufband ersetzt wurde, auf dem kleine Happen mit einer Geschwindigkeit von 8cm pro Sekunde durch den Raum gleiten. Erfunden wurde Running Sushi vor genau 50 Jahren von einem Restaurantbesitzer namens Yoshiaki Shiraishi, der sich überlegte, wie er mit möglichst wenig Personal seinen kleinen Laden in Osaka über Wasser halten konnte. Inspiriert von Fließbandproduktion in Fabriken kam ihm die Idee, fortan auch Sushi und andere Köstlichkeiten auf diese Weise zu servieren. Er nannte es Kuru Kuru Sushi, japanisch für „Sushi, das ringsherum geht“. Nach und nach verbreitete sich das Konzept über ganz Japan und fand seinen Weg in die Großstädte der westlichen Hemisphäre. Im Land der Freaktechnik kann man inzwischen sogar über eine Art virtuelles Aquarium auf Touchscreen-Monitoren direkt am Tisch seine Bestellungen aufgeben.

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Illustration: Julia Schubert

Völlerei ist in Zeiten von Kalorientabellen und Food-Therapeuten etwas aus der Mode gekommen, aber nirgendwo kann man ihr so stilvoll frönen wie hier: Das inzwischen gängige Flatrate-Prnzip (siehe DSL oder saufen) nennt sich in diesem Fall „All you can eat“ und bevollmächtigt einen, sich einmal hemmungslos durch die gesamte Speisekarte zu futtern. Oma würde vermutlich den Einwand bringen, dass das kein ordentliches Gericht ist, was man da in Unmengen an Winzportionen und Snacks zu sich nimmt. Leute aber, die nicht mal mehr Bücher zu Ende lesen können, finden Essen in Bewegung ein 1a-Unterhaltungsprogramm. Häppchenkultur eben, die gut mit nervösem Weiterskippen und hinschwindenden Aufmerksamkeitspannen korrespondiert. Deshalb ist Running Sushi wohl die sublimste Spielart des Fast Food. Der Spaßfaktor steht und fällt außerdem mit dem Sitzplatz. Der Begriff Nahrungskette wird hier sehr anschaulich versinnbildlicht: Der, der am Anfang des Bandes sitzt, hockt direkt an der Essensquelle und hat es gut, wohingegen die hinteren Plätze mit einem miesen Standortnachteil versehen sind: Alles ist abgegrast, hier landen nur noch Wasabi und roher Tintenfisch. Das provoziert niedere Instinkte und eine Art Tischkonkurrenz. Der Genuss von Running Sushi ist ein absolut unentspannter Essvorgang. Weder konsistente Gespräche noch konsistentes Kauen sind möglich: ein Auge ist durchgehend in höchster Wachsamkeit aufs Band gerichtet, ähnlich wie Leon der Profi, der wegen drohender Gangstergefahr beim Schlafen seine Lider nie zuklappt. Der Gangster ist hier der Fressfeind, und gierig sitzt er unmittelbar am nächsten Tisch. Traditionalisten kritisieren, dass das fahrende Sushi-Buffet alte Rituale und herkömmliche Sushi-Lokale verdrängt hat. Es ist verwunderlich, dass die Idee von Häppchen am laufenden Band noch nicht in anderen Restaurants umgesetzt wurde. Konsequent weitergedacht hieße das: Nur noch probieren, sich nie festlegen. Das bedeutete Mahlzeiten, die allein aus Testversionen zusammengesetzt sind: vorbeifliegende Ministeaks, Miniknödel und Minipizzen. Die einen würden sofort den Untergang der Esskultur beklagen. Für Menschen, die sich nicht auf eine Sache konzentrieren können, wäre das aber genau das Richtige.

Text: xifan-yang - Bild: Screenshot

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