Stilogramm: Wir leben in einem Spoiler-Zeitalter

Dem Internet sei dank, muss man gar keine Filme mehr anschauen, man bekommt sowieso schon Wochen vorher erzählt, worum es geht und wer am Ende stirbt. Es herrscht Spoiler-Alarm
christina-waechter

Der wahrscheinlich bekannteste Spoiler der letzten Jahre geht ungefähr so (ACHTUNG SPOILER): „Der Film „The Sixth Sense“ ist ja ganz gut, nur am Schluss, als dann herauskommt, dass der Arzt tot ist und nur deshalb mit toten Kindern sprechen kann, der war irgendwie nicht so schockierend.“ Und mit diesem kleinen Satz hat man wieder ein paar Menschen so richtig schön sauer gemacht.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

SPOILER: auch im aktuellen Indiana Jones-Film trägt Harrison Ford einen Hut! Bild: dpa Spoiler sind eine hartnäckige Begleiterscheinung des Internet-Zeitalters. Auf einmal kann jeder mit sehr geringem Aufwand sehr schnell Aufmerksamkeit erheischen, solange er ein bisschen Wissensvorsprung vor den Anderen hat. Warum manche Menschen so viel Freude daran verspüren, anderen ebenjene zu verderben? Schwierig zu sagen. Mit Sicherheit geht es ihnen darum, als Insider anerkannt zu werden und so ein bisschen Credits für etwas einzuheimsen, auch wenn sie gar nichts dafür getan haben, außer eben ein bisschen früher, als alle andere den Film oder die Fernsehserie gesehen zu haben. Und um diesen Wissens-Vorsprung weiter auszubauen – und auch, um sich mit wenig Arbeit viel Geld zu verdienen – kommt es immer wieder zu kriminellen Aktionen, deren einziger Sinn darin besteht, schon vor Veröffentlichung von Filmen oder Fernseh-Serien an den Inhalt heranzukommen. So wurde während der Dreharbeiten des aktuellen „Indiana Jones“-Film in das Büro der Produktionsfirma eingebrochen, Festplatten und Computer entwendet. Kurze Zeit später versuchten die Diebe, ihre Spoiler an Fan-Websites zu verkaufen. Die Produzenten des „Transformer“-Films berichteten gar von über 7000 Hacker-Angriffen auf ihren Server. Die rasant um sich greifende Spoileritis macht den Produktionsfirmen das Leben ganz schön schwer. Und das nicht nur, weil sie sich mitunter jahrelang mit einem Stoff beschäftigt haben, darauf geachtet, ihn geheim zu halten und sich darauf gefreut, ihr Publikum zu überraschen – nur, um dann festzustellen, dass irgendeine undichte Stelle im Team einfach mal so nebenbei sämtliche Geheimnisse ausgeplaudert hat. Die Tatsache, dass das mittlerweile so oft geschieht, zwingt die Produzenten von Filmen und Serien dazu, ihre Sicherheitsvorkehrungen weiter zu verschärfen – oder kreativ mit dem offensichtlichen Bedürfnis der Fans nach Insider-Wissen umzugehen. Denn diese Begeisterung kann man auch sehr gut für Marketing-Zwecke nutzen und so die Fans dazu bringen, ganz umsonst und mit großer Überzeugung Werbung für ein Produkt zu machen. Angeblich exklusive Ausschnitte und Informationen werden den Machern von Fansites zugeschachtert, die werden vor lauter Aufregung halb ohnmächtig und das beworbene Produkt ist für die nächsten Tage oder Wochen weiter im Gespräch. Lange vor dem Filmstart wird so eine Welle von Aufregung, Spannung und Vorfreude aufgebaut, die ihren Höhepunkt am Tag der Veröffentlichung erreicht und alle Fans mühelos ins Kino oder in den Fernsehsessel schwappt. Wer als Zuseher keine Lust darauf hat, sich regelmäßig den Spaß am Kinobesuch verderben zu lassen, dem bleibt angesichts der grassierenden Spoileritis nichts anderes übrig, als sich mit geschlossenen Augen in den unsicheren Internet-Gewässern zu bewegen und keinesfalls Fan-Seiten anzusurfen, um sich mal unverbindlich über den Film zu informieren. Mit etwas Glück und Fingerspitzengefühl, dürfte es dann möglich sein, dass man beim nächsten mal nicht schon an der Kino-Kasse weiß, dass natürlich der Gärtner der Mörder war.

  • teilen
  • schließen