Kalifornier surft Fähren-Wellen an der Ostsee

Hawaii ist einfach dagegen.
Interview: Christian Helten
Foto: Surf Berlin

Ira Mowen kommt aus Kalifornien und lebt in Berlin. Irgendwann entdeckte er eine Welle an der sonst quasi unsurfbaren Ostsee: eine Fähre, die regelmäßig am Ufer vorbei fährt, erzeugt sie. Ira machte sich zur Aufgabe, sie zu surfen. Derzeit sammelt er auf Kickstarter Geld, um seinen Dokumentarfilm über den jahrelangen Kampf mit der Welle fertigzustellen.

jetzt: Wie kommt ein Kalifornier dazu, in der Ostsee eine Fährenwelle zu surfen?

Ira Mowen: Ein paar Leute in einem Surfladen in Berlin nahmen mich mit da hin, sie hatten davon gehört. Ich war total stoked, dass ich wirklich hier in der Ostsee surfen war. Die Ostsee ist meistens flach oder total stürmisch und durcheinander. Ein Einheimischer sagte mir, dass die Fähre bald durch neue ersetzt werden würde. Das motivierte mich, einen Film darüber zu machen, bevor sie für immer verschwunden ist.

Aber es gibt sie ja immer noch, oder?

Mit den neuen Schiffen war es wie mit dem Flughafen in Berlin: Es dauerte. Jetzt gibt es ein neues und ein altes Schiff.

Und die Wellen des neuen Schiffs kann man auch surfen?

Alle dachten, die neuen Schiffe wären besser und effizienter gebaut. Was auch bedeuten würde, dass sie weniger Wellen verursachen. Aber wir lagen falsch.

Erklär doch bitte mal, wie die Welle genau entsteht.

Die Bugwelle der Fähre trifft auf eine Sandbank am Strand neben dem Hafen, und dort bricht sie. Wie groß die Welle ist, hängt davon ab, wie schnell das Schiff fährt. Der Strand ist etwa einen Kilometer von dem Punkt entfernt, wo es anlegt. Manchmal ist es deshalb so langsam, dass gar keine Welle entsteht. Die größte, die ich erwischt habe, war ungefähr zwei Meter groß.

Das heißt, du solltest wohl den Kapitän bestechen, damit er ordentlich Gas gibt.

Hab ich versucht. Ich war mal im Cockpit der Fähre. Die haben überhaupt nicht verstanden, was ich wollte. 

Und du hast pro Schiff nur eine Chance, richtig?

Ja.

 

Wie oft fährt die Fähre?

Alle zwei Stunden.

 

Das sind dann ja nur ungefähr zehn Versuche pro Tag!

Ungefähr ja. Wenn jedes Schiff eine Welle an Land schickt, die groß genug ist. Und wenn man als Surfer an der richtigen Stelle im Wasser ist. Was sehr oft nicht der Fall ist, weil die Welle ja nicht immer an derselben Stelle bricht, je nachdem wie groß sie ist. Die ersten 50 oder 60 Versuche bin ich nicht gesurft, ich musste erst mal beobachten und lernen. Und auf die gesamte Zeit gerechnet war ich wahrscheinlich 90 Prozent meiner Versuche an der falschen Stelle.

 

Das klingt, als hättest du sehr viel Geduld gebraucht.

Ja. All das Warten war schlimm, die Kälte und das miese Wetter auch. Aber genaugenommen brauchte ich noch mehr als Geduld. Die ganze Aktion war eine ziemliche Qual. All die Fehlversuche! Ich war so oft so nah dran, und dann klappte es doch wieder nicht. Da muss man sich erst mal motivieren, das nächste Mal wiederzukommen. Das war extrem schwer. Auch für meine Freunde, die ich gebeten habe, mich zu filmen. Sie standen ja auch ewig in der Kälte und haben die Kamera gehalten. Und dann kam ich alle zwei Stunden aus dem Wasser zurück und hatte auch noch schlechte Laune.

 

Warum hast du nicht einfach einen Surftrip zum Atlantik gemacht? Wäre deutlich weniger Aufwand gewesen...

Es ging mir um die Jagd. Um das Abenteuer, die Herausforderung. Ich wollte es schaffen, eine richtig gute Welle da zu erwischen.

 

Und? Hast du’s geschafft?

Ja. Das war ein unglaublich glücklicher Moment. Und seitdem bin ich dort auch nicht mehr hingefahren. 

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