Tagebuchschreiben hilft

Denn es ist ein Ventil für schlechte Gefühle und ein Spiegel für Positives.
Von Katharina Mau
Foto: Nuno Silva

Ich wollte diesen Text mit einem Selbstversuch beginnen. Eine Woche lang Tagebuch schreiben. Einfach meinen Gedanken freien Lauf lassen, aufschreiben, wofür ich dankbar bin oder meinen Gefühlen nachspüren. Ich wollte mir ein leeres Buch nehmen und drauf los schreiben. Aber ich habe es nicht getan.

Es kam etwas dazwischen oder ich habe es vergessen oder so einen inneren Widerstand gespürt, der mich davon abgehalten hat. Ich weiß also: Tagebuchschreiben ist nicht so einfach. Trotzdem möchte ich wieder damit anfangen. Denn ich glaube, dass es mir gut tut, dass ich dadurch mir und meinen Gefühlen näher komme. Elisabeth Mardorf ist Psychologin und hat sich viel mit dem Tagebuchschreiben beschäftigt. Sie hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Sie sagt: „Man hat eine solche Bereicherung im eigenen Leben, wenn man Tagebuch schreibt, dass ich gerne Leute dazu ermutige.“

Studien zeigen, dass Tagebuchschreiben sowohl die geistige als auch die körperliche Gesundheit verbessern kann. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, drei- bis fünfmal für etwa zwanzig Minuten zu schreiben: Und zwar über ein besonders traumatisches Erlebnis oder eine sehr emotionale Erfahrung, die sie und ihr Leben beeinflusst hat.

Etwa vier Monate nach dem Tagebuchschreiben ging es vielen Teilnehmern gesundheitlich besser. Sie gingen seltener zum Arzt und fehlten weniger bei der Arbeit. Andere positive Effekte: Verbessertes Arbeitsgedächtnis, bessere sportliche Leistungen, bessere Noten an der Uni.

Glücklicherweise hat nicht jeder Mensch ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten. Das Tagebuchschreiben kann aber auch helfen, sich über sich selbst und seine Ziele klarer zu werden. „Man sucht nach seiner Persönlichkeit“, sagt Mardorf. „Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Wie möchte ich mein Leben gestalten?“ Und sie sagt, Tagebuchschreiben könne enorm entlasten: „Das Tagebuch nimmt allen Herzschmerz und allen Kummer auf und alle Banalitäten. Auch Dinge, für die andere einen vielleicht belächeln würden.“

Als Kind habe ich relativ regelmäßig Tagebuch geschrieben. Irgendwann immer unregelmäßiger und dann hatte ich immer öfter ein schlechtes Gewissen, wenn ich es nicht getan habe. Und weil ich kein schlechtes Gewissen haben wollte, habe ich einfach ganz damit aufgehört.

Tipp: Immer ein Notizbuch dabeihaben

„Sich Druck zu machen bringt nichts“, sagt Mardorf, aber sie hat zwei Tipps, wenn man es dennoch mit dem Tagebuchschreiben versuchen möchte. Entweder morgens noch im Bett schreiben, wenn man sich abends nicht mehr dazu aufraffen kann oder immer ein kleines Notizbuch dabeihaben. Dann kann man die Pausen und Wartezeiten, die es immer im Alltag gibt, zum Schreiben nutzen.

Ebenfalls praktisch für unterwegs: Apps zum Tagebuchschreiben. Da gibt es solche, die dem klassischen Tagebuch sehr nah kommen: Man kann Texte schreiben und Fotos und Kartenausschnitte hinzufügen. Andere geben schon eine klare Struktur vor, indem sie abfragen, wofür man heute dankbar ist, oder, was man sich für den Tag vornehmen möchte. Viele dieser App-Tagebücher kann man mit einem Passwort schützen. Das mag noch sicherer wirken als der kleine Schlüssel, den man als Kind in der hintersten Regalecke versteckt hat. Andererseits muss man sich auch bewusst sein, dass die Daten nicht abschließend sicher sind. Einerseits können sie gehackt werden, andererseits können sie verloren gehen.

Und vielleicht geht auch etwas verloren, wenn man nicht mit der Hand schreibt, sondern auf dem Handy-Bildschirm tippt. „Beim Schreiben mit der Hand ist meiner Erfahrung nach der Draht vom Hirn aufs Papier etwas direkter“, sagt die Psychologin. Sie empfiehlt, weder nur Gefühle noch ausschließlich die Erlebnisse und Fakten aufzuschreiben, sondern eine Mischung davon. Das habe den größten Effekt zur psychischen Stabilität.

Außerdem wichtig: Das Tagebuch nicht nur als Ventil für das zu nutzen, was einen belastet. „Wenn man nur Sorgen und Ängste aufschreibt, kann das zu einer Negativspirale führen, sodass man immer trauriger, immer verzweifelter wird“, sagt Mardorf. Sie hat deshalb eine kleine Regel: „Man sollte jeden Tagebucheintrag mit drei bis fünf Punkten beenden, über die man dankbar ist.“ Das hilft, sich diese Dinge stärker vor Augen zu führen. Oft merken wir uns eher die negativen Erlebnisse und lassen die positiven an uns vorbeiziehen.

Außerdem betont sie: „Es hilft ungemein, Dinge zu relativieren. Heute schreibe ich ins Tagebuch, wie wahnsinnig unglücklich verliebt ich bin, und dass ich sicher nie wieder glücklich werde. Und ein halbes Jahr später denke ich, wie froh ich bin, diesen Typen los zu sein.“ Wer zurückdenkt, wird sich an viele Momente erinnern, an denen er todunglücklich war, an denen etwas schrecklich peinlich war oder man ein unglaublich schlechtes Gewissen hatte. Und bei vielen Erlebnissen haben sich diese Gefühle mit der Zeit relativiert. Man verliebt sich neu. Man kann heute über das Ich von damals lachen. Und oft entwickelt sich aus erst einmal schlimmen Erfahrungen später etwas Positives. Wer Tagebuch schreibt, wird sich dessen stärker bewusst.

Ich habe mir vorgenommen, von nun an immer ein Notizbuch dabei zu haben und meine Erlebnisse und Gefühle aufzuschreiben. Gleich morgen gehe ich los und kaufe eines.

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