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Foto: Reuters

Als ich am Donnerstag Brüssel verließ, war ich froh. Seit Dienstag heulten die Sirenen. Ununterbrochen. Auch am Mittwoch wurde ich geweckt von diesem schrillen Geräusch. Es beherrschte die Stadt. Brüssel, dessen Herzschlag ich sonst so sehr mag, wurde mir zu viel. Ich wollte weg. Keine Sirenen, nicht ständiges Scrollen auf Facebook, Twitter und Internetseiten von Zeitungen, ob der Alarm einem neuen Anschlag galt oder gerade eine Razzia in der Nebenstraße stattfand. 

Bis dahin hatte mich der Terror weniger berührt. Das Wochenende im November, an dem niemand sein Haus verlassen durfte, war irgendwie schlimm. Aber es schüchterte mich nicht ein. Ich musste bei einem Freund übernachten, weil ich nicht mehr nach Hause konnte. Die Soldaten am Gare du Midi mit ihren Maschinengewehren erinnerten ständig an die Sicherheitssituation. Doch das Militär patrouillierte schon seit Januar 2015 vor wichtigen Gebäuden. Jeden Tag musste ich im Europäischen Parlament meinen Personalausweis zeigen, um in mein Büro zu kommen. Die Sicherheitskontrollen waren erhöht – über Monate. Und ich hatte mich daran gewöhnt.

Als ich mich im Dezember mit meinen Freunden durch die Massen auf dem Weihnachtsmarkt in Deutschland drängte, fragte ich sie, ob sie sich nicht auch etwas unwohl fühlten in der Menschenmenge. Ich vermisste die Soldaten mit ihren Maschinengewehren an jeder Ecke. Die, die letztendlich nichts ausrichten konnten.

Ich hatte mich eigentlich auch an die Sirenen gewöhnt. Angela Merkel und Co. kommen auch mit Sirenen. An Gipfel-Tagen kreisen den ganzen Tag Hubschrauber über dem EU-Viertel. Aber als am vergangenen Dienstag dann der Schock kam, die Anschläge, auf die alle insgeheim gewartet hatten, da waren die Sirenen besonders laut. Die zweite Explosion fand 1400 Meter Luftlinie von unserer Wohnung statt. Niemand konnte sich an diesem Tag konzentrieren. Nachrichten lesen und sicherstellen, dass es allen Freunden gut geht. Ich erhielt Nachrichten von Freunden, von denen ich lange nichts gehört hatte. Es war nicht nur ein Schock für mich in Brüssel, sondern für die Menschen in ganz Europa – so kam es mir vor.

Nachdem unser Flug annulliert wurde, verließen wir am Donnerstag mit dem Zug die Stadt. Das Militär, das zuvor nur beobachtete, kontrollierte am Bahnhofseingang unser Gepäck. Ich fühlte mich sicher in diesem Moment, aber ich war froh, Brüssel zu verlassen. Das passiert selten. Ich fahre gerne ein Wochenende nach Deutschland zu meiner Familie, meinen Freunden. Oft habe ich aber auch das Gefühl, etwas zu verpassen. Diesmal nicht. Ich wollte raus, weg von den Sirenen.

Aber auch tausend Kilometer entfernt ließ die Stadt uns nicht los. Jedem, dem wir erzählten, dass wir aus Brüssel kamen, wollte wissen, wie es war. Im Radio vermeldeten Reporter, dass neue Verdächtige gefasst wurden und die Situation weiterhin angespannt sei. Sie erzählten auch Dinge, von denen ich glaube, dass sie nicht stimmen: Zum Beispiel, dass viele deutsche Praktikanten Brüssel verlassen hätten. Ja, vielleicht um über Ostern die Stadt zu verlassen, aber doch nicht wegen der Anschläge. Fast alle meine Freunde wollte über Ostern wegfliegen. Viele haben andere Möglichkeiten gesucht, weil sie einfach nicht bleiben wollten. Manche mussten bleiben, weil es keine anderen Möglichkeiten gab.

Was ich weiß: Ich freue mich auf den Frühling und den Sommer in Brüssel, wenn die Menschen draußen auf den Plätzen sitzen, Musik machen – leben.

Über die sozialen Medien erreichten mich über Ostern immer wieder Nachrichten von Bekannten aus meinem Tanzkurs. Seit den Anschlägen war eine 29-Jährige verschwunden. Auch wenn ich sie nur vom Sehen kannte, es berührte mich. Seit Dienstag gab es kein Lebenszeichen von ihr – kein Anruf, keine SMS, kein Facebook-Post. Sie hatte am Dienstagmorgen die Metro genommen. Erst hieß es, sie sei unter den Verletzten im Krankenhaus. Immer wieder neue Nachrichten, aber keine Gewissheit. Bis Sonntag. Erst dann wurde sie als Todesopfer identifiziert. Als ich die Nachricht las, wurde mir noch einmal bewusst, wie unglaublich unfair diese Anschläge waren. Willkürlich hatten die Terroristen entschieden, 35 Menschen das Leben zu nehmen.

Und jetzt ist es Montagnachmittag. Ich sitze im Zug Richtung Brüssel. Ich habe keine Angst, zurückzukommen. Natürlich ist die Gefahr eines weiteren Anschlags gegeben, aber ist die Gefahr nicht auch in vielen deutschen, italienischen oder britischen Städten groß? Vielleicht sind die Menschen sich dessen nur nicht bewusst, weil die Soldaten nicht seit über einem Jahr zum Stadtbild gehören. Ich werde vorsichtiger sein. Am Bahnhof nicht in größeren Menschenmasse warten. Ob das etwas bringt? Ich weiß es nicht.

Was ich weiß: Ich freue mich auf den Frühling und den Sommer in Brüssel, wenn die Menschen draußen auf den Plätzen sitzen, Musik machen – leben. Manchmal könnte man im Sommer denken, dass der Place Flagey in Brüssel südlich der Alpen liegt. Auch um Mitternacht stehen oft noch viele Menschen vor den Bars – locker, leicht, unbeschwert, glücklich. Auch nach den Anschlägen am Dienstag bin ich mir sicher, dass es nicht lange dauert, bis das wieder so ist.

Keiner meiner Freunde hat mir gesagt, dass er oder sie überlegt, Brüssel wegen der Anschläge zu verlassen. Das Leben geht weiter. Wir sollten uns nicht einschüchtern lassen von den Ereignissen am 22. März. Ich bin mir sicher: Die Sirenen werden wieder verstummen. Die Zeit wird vergehen und ich werde nicht bei jedem Sirenenheulen Twitter checken, weil ich Angst habe, dass wieder ein Anschlag passiert ist. Liebes Brüssel, ich komme gerne zurück!

Schon als ich diese Sätze schrieb, war es wieder ruhiger in meiner Nachbarschaft. Anstatt Sirenen waren spielende Kinder zu hören.