"Warum fliegen wir zurück?" – "There is a threat"

Bombendrohung: Unsere Autorin erzählt, wie der Terror in ihr Leben kam.
Von Annabel Dillig
flgzeug terrorangst illustration daniela rudolf
Illustration: Daniela Rudolf

Der Terror war immer näher gekommen. Wie ein unsichtbares Band hat er sich um mein Leben gelegt, immer mehr meiner Freunde und Kollegen erfasst. Ein guter Freund musste mit der Nationalelf in den Katakomben des Stade de France ausharren, in jener Nacht in Paris. Eine Freundin wurde aus einem Restaurant in London evakuiert, wegen einer Bombendrohung. Andere konnten nicht Zug fahren, weil Bahnhöfe geräumt wurden. Dieser nervöse Refrain aus Warnung und Entwarnung, dessen Teil wir alle nun sind. Natürlich weiß ich, dass es viel wahrscheinlicher ist, durch eine herabfallende Kokosnuss oder einen Fahrradunfall zu sterben als durch einen Attentäter, der mein Leben kreuzt. Natürlich weiß ich, dass Terror nicht nur sein Ziel erreicht, wenn etwas passiert, sondern wenn einen diese Angst nicht mehr loslässt. Ich weiß das alles. Aber jetzt, verdammt nochmal, sitze ich in einem Flugzeug in 13.000 Metern Höhe und es gibt eine Bombendrohung.

Wir sind auf der Rückreise aus dem Vietnamurlaub. Flug QR059, von Doha nach München. Vor einigen Sekunden hat der Captain durchgesagt, man müsse umkehren und zurück nach Doha fliegen. 45 Minuten nachdem wir gestartet sind. „Hast du das gehört“, frage ich meinen Freund, der neben mir döst, „wir drehen um!“ Auch er hat die Durchsage nur bruchstückhaft verstanden. Es habe einen Anruf gegeben. „Back to Doha“. Irgendetwas sei „missing“, nach irgendetwas werde gesucht. Irritiert blicken wir uns um, suchen die Blicke der anderen Passagiere. Die Stewardessen öffnen die Gepäckfächer über uns und wühlen im Wust aus Rucksäcken, Jacken, Rollkoffern. Suchen die hier gerade nach einer Bombe? Ernsthaft? 

„Entschuldigung, warum fliegen wir zurück nach Doha“, frage ich eine von ihnen. „There is a threat“, sagt sie ernst. Sie sagt nicht: Machen Sie sich keine Sorgen. Sie sagt nicht: reine Vorsichtsmaßnahme. Sie sagt nur: Es gibt eine Drohung.

Angst steigt in mir hoch. Von den Füßen aus. Wie eine aufwärtsgehende Lawine erfasst sie mich, würde ich nicht sitzen, gäben meine Knie nach. Ich beginne zu zittern, schnappe nach Luft. Mein Freund nimmt meine Hand, drückt sie fest. „Ganz ruhig“, sagt er. 

Auf dem Bildschirm, die Streckenkarte. Ich sehe unser Flugzeug über dem Persischen Golf, links Saudi Arabien, darüber Irak, links davon Syrien, rechts Iran. Auf einmal ist alles ganz klar: eine Maschine voller Deutscher, mitten über dem Meer. Natürlich. Bester Ort für einen Anschlag. Beim Hinflug sind wir doch eine östlichere Route geflogen!

Der Landeanflug auf Doha beginnt, wir sinken. Und wir sinken schnell.

Die Karte zeigt jetzt an, wie das Flugzeug dreht, es sieht genauso aus, wie man es aus den Nachrichten kennt, wenn es heißt: „Daraufhin verlor sich die Spur der Maschine.“ Plötzlich scheint es mir viel wahrscheinlicher, dass etwas passiert als dass alles gutgeht. Terror ist, was in deinem Kopf passiert.

Und dann bin ich wieder ruhig. Du-kannst-jetzt-eh-nichts-machen-ruhig. Ab und zu rollt eine Träne lautlos mein Gesicht hinunter. „Was, wenn“ spiele ich in meinem Kopf durch. Was machst du, wenn im vorderen Teil des Flugzeugs eine Bombe explodiert? Du musst dich ducken, wie es im Sicherheitsvideo gezeigt wird. Vor zwei Tagen hatte ich das Bild der Maschine in Mogadischu gesehen, mit einem Loch in der Außenwand. Ein Toter, Zwei Verletzte. Ich denke: Man kann also überleben, wenn eine Bombe an Bord explodiert. Der Gedanke beruhigt mich, so schräg das klingt, für einen Moment.

"Hast du auch Angst", flüstere ich meinem Freund ins Ohr. Er nickt. Die Leute um uns sind verhältnismäßig ruhig. Ja, manche haben sich auch panisch umgedreht nach der Durchsage, halten sich ganz fest an den Händen, wie wir. Aber viele sehen auch einfach ihren Film weiter oder lesen.

Der Landeanflug auf Doha beginnt, wir sinken. Und wir sinken schnell. Ich sehe auf die Höhenangabe. Noch 1000 Meter über dem Boden, noch 500 Meter. Die Lichter Dohas kommen näher und näher. Der Kapitän ruft, die Cabin Crew solle sich für die Landung vorbereiten. An der Landebahn, das sehen wir jetzt, stehen Dutzende blinkende Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge Spalier. Und dann setzt die Maschine auf. Wir rollen noch ein bisschen, dann bleiben wir stehen, im Niemandsland zwischen Landebahn und Flughafengebäude.

Plötzlich ist überall Nebel um die Maschine.

Eine Handvoll Polizisten kommt an Bord, sie bellen etwas in Funkgeräte. Es heißt, wir können jetzt aussteigen, dann Kommando zurück. Plötzlich ist überall Nebel um die Maschine. Man kann nichts mehr sehen. Woher kommt der denn plötzlich? Ist das normal, es ist drei Uhr nachts? Oder werden wir absichtlich eingenebelt? Oder oder oder? Nichts ist normal. Wie auch?!

Erst jetzt werden die Leute unruhig, rufen, sie wollen aussteigen. Unruhe. Eine Stewardess sagt durch, man solle auf den Sitzen bleiben, aus Sicherheitsgründen. Eine halbe, Dreiviertelstunde ist seit der Landung vergangen. Dann heißt es, wir können jetzt über eine Treppe aussteigen. Erst jetzt sehe ich, dass wir von der Landebahn aus in eine Art Nische hineingerollt sind, das Flugzeug ist von drei Seiten von einem dichten Zaun umgeben. „Ah, der Spreng-Zaun,“ sagt ein Checker hinter mir. Ich habe keine Ahnung. Wir werden in Busse gebracht. Gerüchte machen die Runde. Leuten, die im Flieger gefilmt hätten, seien die Handys abgenommen worden. Ein anderer sagt, ein einziger männlicher Passagier im Flieger sei durchsucht und abgeführt worden. Wir haben nichts davon mitbekommen. 

Wir werden ins Flughafengebäude gebracht, und dann geht alles seinen Gang. In einem Transitbereich wird unser Handgepäck nochmal durchleuchtet, wir bekommen erst eine Lunchbox und dann eine neue Abflugzeit.

Zwei Stunden später besteigen wir dasselbe Flugzeug und fliegen ohne weitere Zwischenfälle nach München. Die Fluggesellschaft entschuldigt sich für die Verzögerung, spricht von „security reasons“, es klingt so lapidar wie „technical defect“ oder „die Maschine ist noch nicht da“. War da was?

Wir erfahren nicht mehr zu dem Vorfall. Auch nicht in den Tagen danach. Eine Freundin, die für die Münchner Lokalpresse arbeitet, war durch eine SMS, die ich nach der Landung in Doha geschrieben hatte, alarmiert, rief bei der Airline an, bei der Bundespolizei, beim Flughafen München. Überall war nur von einer normalen Verspätung die Rede. Es gibt keine Nachricht, keinen Hashtag, keine offizielle Erklärung. Es war: eine ganz normale Bombendrohung. Wir sind jetzt zu Hause.

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