Wegen Mathe unter Terrorverdacht

Ein Professor musste das Flugzeug verlassen, weil seine Formeln einer Passagierin Angst machten.

Ok, wir haben keine Ahnung, ob das eine Differentialgleichung ist. Aber so in etwa könnte es ausgesehen haben, was Guido Menzio zum Terrorverdächtigen machte.

Foto: Roodini / photocase.de

Man könnte aus dieser Geschichte einen schlechten Witz ableiten. Der ginge in etwa so: Was haben Terrorismus und Mathe gemeinsam? Beides checkt man nicht.

Erstens ist dieser Witz aber wirklich ziemlich schlecht. Und zweitens ist die Geschichte, die ihm zugrunde liegt, gar nicht lustig, sondern ziemlich schockierend.

Doch von vorne: Vergangenen Donnerstag, ein Kurzstreckenflug in den USA, von Philadelphia nach Syracuse, American Airlines, Flugnummer 3950. Das Boarding verlief normal, das Flugzeug rollte zur Startbahn. Doch dann, plötzlich: umkehren, zurück zum Gate. 

Eine Frau hatte einer Stewardess einen Zettel zugesteckt. Die fragte kurz darauf, wie schlimm es denn sei: ob es der Frau wirklich zu schlecht gehe, um fliegen zu können. Nach der Ankunft am Gate wurde die Frau aus dem Flugzeug eskortiert. Dann hieß es für die anderen Passagiere: warten. Bis der wahre Grund für die Rückkehr zum Gate klar wurde. Er befand sich auf dem Platz direkt neben der scheinbar kranken Frau.

 

Dort saß Guido Menzio. Ein junger Mann, Brille, dunkle, lockige Haare, Bart. Er ist Ökonom, ein sehr guter sogar, er hat Preise gewonnen und arbeitet als Professor an US-Top-Universitäten der Ivy League. Er war auf dem Weg zu einem Vortrag. Im Flugzeug begann er direkt nach dem Boarding mit der Arbeit auf einem Notepad. Er war vertieft in seine Aufgabe, er war fokussiert, nahm nichts um sich herum wahr, blickte nicht von seinem Bildschirm auf. Die Smalltalk-Versuche der Frau neben ihm blockte er einsilbig ab. Das und sein Äußeres reichten ihr für einen Anfangsverdacht.

 

Und als sie dann sah, was er da auf seinem Notepad anstellte, da war ihr klar: Der Typ führt Böses im Schilde. Diese seltsamen Schriftzeichen, die er da vor sich hat! Das ist bestimmt ein verschlüsselter Code, den niemand lesen darf! Vielleicht Anschlagspläne! Vielleicht sogar Pläne für einen Anschlag auf diesen Flug!

 

Die Krankheit der Frau war also nur vorgetäuscht. Damit sie das Flugzeug verlassen und den Behörden ihre wahren Bedenken berichten konnte.

 

Als das geschehen war, wurde also auch Guido Menzio gebeten, das Flugzeug noch mal zu verlassen. Im Flughafengebäude wartete Sicherheitspersonal auf ihn. Agenten. Sie sagten ihm, er stehe unter Terrorverdacht. Sie sagten, dass seine Sitznachbarin im Flugzeug von kryptischen Notizen berichtet habe. Menzio musste lachen. Seine Notizen waren mathematische Formeln. Differenzialgleichungen.

 

Nachdem sich all das aufgeklärt hatte, konnte das Flugzeug bald abheben. Und man könnte diese Geschichte jetzt mit einem Schmunzeln und dem schlechten Witz vom Beginn dieses Textes beiseitelegen. Aber wie gesagt, dazu ist sie eigentlich zu schockierend. Denn sie zeigt, wie gering die Schwelle ist, die überschritten werden muss, damit manche Leute in Panik geraten und vollkommen unschuldige Menschen verdächtigen. Man muss die Zutaten zu dieser Eskalation nur noch mal ganz nüchtern runterbrechen, um zu merken, wie absurd sie ist: Menzio hat in einem Flugzeug fokussiert an etwas gearbeitet. Diese Arbeit war etwas, das die Frau nicht kannte und nicht einzuordnen wusste. Und Menzio hat dunkle, lockige Haare und trägt einen Bart. Drei harmlose Allerweltsfakten. Aber in Kombination reichten sie, damit er von Agenten verhört wird.

 

Das ist es, wohin die Terror-Panikmache führt. Und deswegen muss sie ein Ende haben. Und in Mathe, da sollte man wohl doch zumindest Grundlegendes schon mal gesehen haben. 

 

che

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