Das Echo des Terrors

Foto: flo-flash / photocase / dpa / Collage: Daniela Rudolf

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Und wieder habe ich Angst.

Man könne nichts ausschließen, sagen die Politiker. Es sei nur eine Frage der Zeit, sagen die "Terror-Experten", wann es auch in Deutschland passiere. In Deutschland lebe ich. Und ich weiß: Meine Angst kommt nicht trotz, sondern gerade wegen der niedrigen Wahrscheinlichkeit. Terror ist eine ins Furchtbare gekehrte Lotterie. Die Chance, dran zu sein, ist sehr gering. Aber genau diese minimal kleine Chance übt eine magische Anziehungskraft auf meine Gedanken und Gefühle aus. Denn sie macht die Gefahr so unberechenbar. Und alle Fragen so akut.

Wann? Wo? Wie?

Stopp! Angst bekämpft man am besten mit Wissen. Also stelle ich jetzt die wirklich wichtigen Fragen: Bin ich in Gefahr? Wie hoch ist die genau? Und wie kann ich sie senken?

"Die Zukunft kann niemand vorhersagen", sagt Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Als Risikoforscher kann er nur Vergangenheit und Gegenwart betrachten. Aber die sind eindeutig: "In Deutschland gab es bis auf die zwei US-Soldaten, die 2011 von einem Islamisten aus dem Kosovo erschossen wurden, keine Toten durch islamistischen Terrorismus. Aber neun durch den rechtsextremen NSU." Es war also, rein statistisch gesehen, wahrscheinlicher vom Blitz getroffen zu werden, oder von einem Neonazi ermordet zu werden, als durch islamistischen Terror zu sterben. "Oder aber überfahren zu werden, weil der Fahrer SMS schreibt. Diese Verhältnisse bestehen fort." Auch wenn jetzt die Terrorgefahr womöglich steige, weil der IS auch in Deutschland aktiv werden könnte, "leben wir hier in den sichersten Zeiten überhaupt". 

 

Jegliche Maßnahmen und Verhaltensänderungen, um die Terrorgefahr für mich zu senken, hält Gigerenzer für wenig wirksam – bis kontraproduktiv. "Französische Schulen haben nach den Anschlägen von Paris vorigen Jahres ihren Schülern das Rauchen im Schulgelände erlaubt. Weil auf der Straße ja die Terrorgefahr höher sei. Das ist angesichts der hohen Todeszahlen durch das Rauchen aber definitiv eine Fehleinschätzung. Jede Zigarette mehr ist gefährlicher."

 

Genau so wenig bringt es meiner Sicherheit, wenn ich meinen Lebensstil grundsätzlich ändere. Nach den Anschlägen von Brüssel nun Flughäfen und Flugzeuge zu meiden, rechnet Gigerenzer mir vor, ist auch Quatsch: "Als nach dem 11. September viele Amerikaner aus Angst vor Flugzeug-Terror auf ihre Autos umstiegen, konnte man die Zunahme von Verkehrstoten deutlich messen. Im gleichen Zeitraum stürzte kein einziges Flugzeug ab. Diese Menschen würden noch leben, hätten sie ihr Verhalten nicht an den Terror angepasst." Bahn fahren statt fliegen? Letztes Jahr konnte ein bewaffneter Terrorist in einem französischen TGV im letzten Moment überwältigt werden. 

 

Die ganze Idee, dass es einen absolut sicheren Ort gäbe, ist eine Illusion. Natürlich könne man sich zu Hause einschließen, sagt Gigerenzer, aber dann muss er lachen: Ob dann nicht Haushaltsunfälle, immer noch eine der häufigsten unnatürlichen Todesursachen in Deutschland, den Job erledigen würden?

 

Ich könnte aufs Land ziehen. Alle großen Anschläge fanden in großen Städten statt. Aber ab und zu müsste ich doch in die Stadt. Auf dem Weg dahin kann mir alles mögliche passieren, und überhaupt! Jeden Tag, wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, oder wenn ich dann eben mit dem Fahrrad durchs Dorf führe, setze ich mich einer vielfach höheren Gefahr aus. Dagegen ist jede Terrorgefahr, egal wie ich sie beeinflusse, einfach lächerlich klein. Leben bedeutet Risiko. Nicht sterben kann nur, wer gar nicht mehr lebt. "Der IS ist kein Spaß", sagt Gigerenzer, "aber er ist sicher lange nicht so ernst für uns hier in Deutschland, wie er dargestellt wird."

 

Das beruhigt mich. Die Zahlen sind wirklich eindeutig. Und trotzdem will ich etwas tun. Und wenn nur, um das gute alte Gefühl zu haben, alles getan zu haben. Was also kann das sein?

 

"Benutzen Sie ihren Kopf", sagt Gigerenzer. Das Ziel des Terrorismus seien nicht nur die Opfer, sondern wir alle und unsere Angst. Gigerenzer spricht vom "Zweitschlag": Nach dem Akt der physischen Gewalt, gegen den wir uns nur schwer schützen können, trifft uns der Terror ein zweites Mal. Indem er unser Leben beeinträchtigt und uns anderen Gefahren aussetzt. "Die toten Amerikaner im Verkehr sind Opfer dieses Zweitschlags".  

 

Gegen diese viel breitere Wirkung des Zweitschlags, mitunter gefährlich wie eine Bombe, können wir uns sehr wohl schützen: Indem wir uns weigern, wegen des Erstschlags durchzudrehen.

 

Die Frage also, ob und wenn ja, wie ich durch Terror gefährdet bin, ist schon ein Terrorschaden. Ich werde Opfer, wenn ich darüber nachdenke, ob ich bald Opfer bin. 

 

Gegen die Anschläge selbst kann ich nichts tun. Gegen ihr Echo schon.

So einfach. So schwer.

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