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Akademisches Pop-Geschwafel

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Wo steht das denn? Nein, nicht in dem Weblog eines überambitionierten Britney-Fans. Sondern in der Doktorarbeit von Karin Lenzhofer. Die Kultur- und Medienwissenschaftlerin hat mit „Chicks Rule! Die schönen neuen Heldinnen in US-amerikanischen Fernsehserien“ die vielleicht überflüssigste Unterhaltungsanalyse des Jahres verfasst. Das sieht Lenzhofer aber vermutlich ganz anders. Denn die US-amerikanische Unterhaltungsbranche und deren telegene Weiblichkeit sind offenbar Dreh- und Angelpunkt ihres Seins. So stehen am Anfang des Buches in ihrer Danksagung nur zwei Namen. Allerdings nicht die ihrer Eltern oder Professoren – sondern Rory und Lorelai Gilmore, die Heldinnen der Serie „Gilmore Girls“. Figuren wie diese beiden hätten sie ihr ganzes Leben lang „begleitet, fasziniert und geprägt“, schreibt die Autorin. Und das sagt eigentlich schon alles über die folgenden 300 Seiten.

Lenzhofer will in ihrem quietsch-pink eingebundenem Buch zeigen, dass die angebliche Fortschrittlichkeit und Subversivität von Frauengestalten in Fernsehserien wie „Sex and the City“, „Buffy the Vampire Slayer“ oder „Ally McBeal“ die Rolle der Frau in der Realität entschieden beeinflusse. Dabei verknüpft sie ausführliche Analysen dieser Serien mit postfeministischer Theorie von Judith Butler, gespickt mit ein bisschen Poststrukturalismus. Das klingt fragwürdig. Ist es auch, und noch verheerender: Es führt zu rein gar nichts. Lenzhofer unterteilt Fernsehprotagonistinnen in drei Kategorien: „Stadtneurotikerinnen“, „Coole Kämpferinnen“ und „Brave New Girls“. Zu der ersten Gruppe stellt sie solch profunde Fragen, wie: „Zeigt uns Ally wirklich nur die Unmöglichkeiten und Unvereinbarkeiten im Leben einer Frau und lässt uns mit all diesen unbeantworteten Fragen zurück oder lebt sie uns mögliche Antworten vor? Zeigen uns Ally, die Kanzlei, die Unisex-Toilette und die Fälle, die sie verhandelt, nicht vielmehr, dass nichts unmöglich ist, getreu dem Werbemotto: ‚Frech, neurotisch, sexy, einfach unwiderstehlich. Zickige Frauen, sensible Männer, Unisextoiletten, Gesichts-BHs – bei Ally ist nichts unmöglich’.“ Da stört nicht nur die schiere Sinnlosigkeit der Fragestellung. Auch die mangelnde Distanz zu dem Forschungsobjekt fällt auf. Das gesamte Buch durchzieht eine seltsame Mischung aus wissenschaftlichem Anspruch, der sich in erster Linie über die Wortwahl der Autorin manifestiert, einerseits. Andererseits wirkt die Arbeit kurios naiv. Lenzhofer schreibt in ihrer Einleitung, ein Artikel in der Frauenzeitschrift „Cosmopolitan“ habe sie zu ihrem Thema inspiriert. Eine richtig anspruchsvolle Referenz ist das ja eher nicht. Sie zitiert ganz ernsthaft sogenannte Fankunstwerke, kitschige Photoshoperzeugnisse aus dem Internet mit Gesichtern von Stars und Textzeilen aus Popliedern. Und immer wieder schreibt sie von den Fernsehfiguren als wären sie reale Personen. Es fällt schwer jemanden ernst nehmen, der 1997 als „magisches Jahr“ bezeichnet, weil damals Ally McBeal und Buffy zu uns kamen. Warum die Universität, die „Chicks Rule!“ als Dissertation akzeptiert hat, das scheinbar tut? Vielleicht liest man im zuständigen Dekanat auch lieber die „Cosmo“ als irgendwelche anstrengenden Theorien im Original. Steht im Bücherregal zwischen: der Sammler-DVD-Box aller Sex and the City-Staffeln und einem Stapel TV Today-Hefte. Chicks Rule! von Karin Lenzhofer, 322 Seiten, 28, 80 Euro. Erschienen im Transcript Verlag.

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