Alle gegen den Lehrer

Manchmal fühlt man sich in Sozialen Netzwerken ganz schlimm an die Schulzeit erinnert. Was Stinkefinger im Internet mit Rebellen im Klassenzimmer gemeinsam haben.
yvonne-gamringer

Angestrichen:
As the first point of interaction with a user’s profile, all profile photos on Google+ are reviewed to make sure they are in line with our User Content and Conduct Policy. Our policy page states, “Your Profile Picture cannot include mature or offensive content.” Your profile photo was taken down as a violation of this policy.

(Auf deutsch und knapp gesagt: Google schaut sich alle Profilfotos auf Google+ an. Wenn ein Motiv anstößig ist, wird es entfernt.)  

Wo steht das?
In einem Blogpost von MG Siegler, einem Kolumnisten der Interseite TechCrunch. Er hatte ein Profilfoto hochgeladen, auf dem er den Mittelfinger zeigt. Plötzlich entdeckte er, dass ein Google-Mitarbeiter in sein Profil gegangen war und das Foto entfernt hatte. Als Siegler es wieder hochgeladen hatte, war es schon bald wieder verschwunden – zurück blieb eine Notiz, aus der wir oben zitiert haben. MG Siegler schrieb darüber.  

Und das war’s dann?
Nicht ganz. Allerhand Leute haben den Blogeintrag weitergetragen und schließlich ruft eine TechCrunch-Kollegin dazu auf, den Google-Menschen auf ganz vielen Profilbildern den Mittelfinger zu zeigen. Weil es nicht besonders einsichtig sei, weshalb Google allerhand Links auf Porno-Inhalte im Netzwerk belässt, sich aber peinlich genau um nackte Mittelfinger kümmert.  

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Illustration: Julia Schubert



Was lernen wir?
Mindestens zwei Dinge. Erstens: Mittelfinger locken Besucher ins eigene Profil. Zweitens: Soziale Netzwerke erinnern an die gute alte Schule.  

Hm?
Die Schulzeit ist der vielleicht am meisten regulierte und reglementierte Zeitabschnitt des Lebens. Selbst das Arbeitsleben kann da nicht mithalten. Blöden Kollegen, einem schlechten Arbeitsklima oder beschissenen Chefs kann man zur Not auskommen - mit einer Kündigung. In der Schule geht das nicht. Einem blöden Lehrer zum Beispiel, der immer die gleichen zwei bevorzugt oder die gleichen zwei benachteiligt, kann man nicht ausweichen. Weder als einzelner Schüler noch als Klasse. Im Normalfall ist man für mindestens ein Schuljahr an diese eine Person dort vorne gebunden, muss sie aushalten und klarkommen. Hin und wieder entwickelt sich in einer solchen Situation und in einer solchen Klasse eine Gruppendynamik. Wenn sich zum Beispiel alle einig sind, dass eine 6 wegen angeblichen Abschreibens ungerechtfertigt waren. Dann gibt es Pausendiskussionen über Fairness und Gängelung, dann entdeckt die Klasse manchmal ihre Rechte und dass man als Schüler nicht zwangsläufig dem Depp sein Depp sein muss. Im Idealfall geht der Klassensprecher nach vorne und sucht das Gespräch. Oder es gibt Gesten der Solidarität und bei der nächsten Arbeit geben alle Schüler leere Blätter ab. Kommt nicht so oft vor, kommt aber vor.  

Solche Momente der Zivilcourage (wie berechtigt sie im Einzelfall sein mögen oder nicht) tragen etwas Erhabenes in sich. Das sind die Momente, in denen man versteht, was Widerstand bedeutet und in denen man sich fragen kann, wieviel im Leben gegeben ist und wann man sich wehren muss. In der Schule sind die Stellungen ja auch so schön klar: Hier die Klasse, da der Lehrer. Im Grunde eine wahnsinnig konfrontative Situation, aus der hin und wieder echtes Gemeinschaftsgefühl entsteht.

Die Mittelfinger-Geschichte erinnert einen genau daran. Eine riesige Klasse hat sich im Sozialen Netzwerk zusammengefunden und reibt sich mit Genuss am Lehrer, sobald er ins Klassenzimmer kommt: Einer spürt die Ungerechtigkeit, informiert die anderen und versucht, einen Sog gegen die Ungerechtigkeit zu erzeugen: „Los, wir zeigen alle den Mittelfinger.“ Und plötzlich hat man das Gefühl, nicht mehr auf Google Plus oder Facebook zu sein. Sondern in der Schule.

Ob das ein schöner Gedanke ist, soll jeder selbst entscheiden. Immerhin: Bei Facebook und Google kann man sich abmelden, wenn einem der Lehrer nicht passt. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil. In der Schule ging das leider nicht.


Text: yvonne-gamringer - Foto: iotas / photocase.com

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