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Alles richtig gemacht und arbeitslos

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Firmen, die Menschen früher als langfristige Aktivposten sahen, die man fördern und entwickeln muss, betrachten die Mitarbeiter nun als kurzfristige Kosten, die gesenkt werden sollen ... sie sehen Menschen als „Dinge“, die lediglich eine Variable in der Produktionsgleichung darstellen, „Dinge“, die ausrangiert werden können, wenn sich die Gewinn- und Verlustzahlen nicht wunschgemäß entwickeln. Wo steht das? Im Buch „qualifiziert & arbeitslos“ von Barbara Ehrenreich. Den markierten Text hat Ehrenreich darin aus einem Buch zitiert.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Frau Ehrenreich, schreiben Sie über uns! Barbara Ehrenreich ist eine amerikanische Journalistin und Buchautorin, die mehr macht, als mit Menschen zu reden. Sie setzt sich den Situationen aus, über die sie schreiben will. Das Vorgehen ähnelt dem von Günther Wallraff, der in den Siebzigern in die Redaktion der Bild-Zeitung ging, um hernach über die Arbeit der größten deutschen Boulevard-Zeitung zu schreiben. Ehrenreich hat 2001 ein Buch verfasst, in dem sie über Ihre Zeit als Mini-Jobberin in Amerika schreibt. Ein Buch aus der Hölle des Arbeitsmarktes sozusagen, mit dem der Öffentlichkeit klar wurde, warum die Arbeitsmarktreformen unter Clinton zwar die Arbeitslosenquote senkte, die Armut aber förderte. Die Autorin bekam nach Veröffentlichung des Buches Briefe von arbeitslosen Akademikern im besten Alter, Menschen aus der sogenannten Mittelschicht, die ihr ans Herz legten: Frau Ehrenreich, schreiben Sie über uns. Tatsächlich stammen 20 Prozent all jener, die in Amerika arbeitslos sind, aus dieser akademischen Mittelschicht. Die Zahl selbst erzählt nur wenig, dahinter aber offenbart sich eine Zeitenwende im Arbeitsmarkt. Selbst die beste Ausbildung gibt niemandem die Sicherheit, das ganze Leben lang in Arbeit zu bleiben. Im Gegenteil. Barbara Ehrenreich machte sich auf, nahm ihren Mädchennamen Alexander wieder an und legte sich eine Existenz als erfahrene PR-Frau mit den besten Qualifikationen zu. Ihr Ziel: Binnen eines halben Jahres einen ihrer Bildung entsprechenden Job finden. Das Ergebnis vorweg: Sie blieb auch nach einem Jahr und Hunderten von Bewerbungen ohne Anstellung. Im Buch zeichnet Sie auf, was arbeitslosen Akademikern in Amerika widerfährt. Sie kommt in Kontakt mit den Branchen, die sich an der Perspektivlosigkeit der Arbeitslosen gütlich tun: Coaches und Networkern. Die Job-Coachs verlangen viel Geld für hanebüchene Beratungen, deren Ergebnis immer gleich lautet: Du bist selbst schuld. Du musst an Dir arbeiten. Du musst Deinen Lebenslauf überarbeiten, Deine Stärken rausarbeiten. Ehrenreich alias Alexander trifft Job-Coaches und überweist Ihnen Geld dafür, dass sie mit Ihr Persönlichkeitstest machen, die zwar viele Unternehmen verwenden, deren Aussagekraft aber gegen null geht. Die bedrückende Erkenntnis der Coachings lautet immer wieder: Sie sind selbst schuld, wenn Sie nichts haben, wenn Ihnen nichts gelingt. Alexander zitiert aus einem der Bücher, das ihr ein Coach empfohlen hat: Sie müssen erkennen, daß sie allein die Ursache aller Umstände in ihrem Leben und aller Situationen sind, in die Sie geraten. Sie müssen erkennen, dass, ganz gleich, wie ihre Welt heute aussieht, sie allein der Grund dafür sind, dass sie ist, wie sie ist. Ihr Gesundheitszustand, Ihre Finanzen, Ihre privaten Beziehungen, Ihr Berufsleben – all das ist allein ihr Werk, an dem sonst niemand beteiligt ist. Alexander besucht Networking-Events zuhauf. In Kontakt bleiben, sich austauschen, Gleichgesinnte treffen und jene, die einem Kontakte vermitteln könnten. Sie kommt in Events, die Psychotherapien gleichen, wo die Menschen gebrochen werden, wo ihnen nicht Mut gemacht wird sondern wo ihnen ihre Grenzen gezeigt werden. Doch all diese Veranstaltungen führen zu nichts. Meistens ist das Programm so dicht, dass keine Zeit zum Austausch besteht. Und meistens treffen sich nur die Arbeitslosen – was Networking nutzlos macht. Ein Job als Vertreter Nebenher strukturiert Alexander auf Anraten der Coaches ihren Tag um, betrachtet die Jobsuche als Arbeit und zählt die ernsthaften und persönlich an Sie gerichteten Antworten auf die über 200 Bewerbungen – es sind genau null. Alexander stellt die Realitätsnähe ihrer Jobsuche am Ende selbst in Frage. Immer kann man vom Lesen hochschauen und sagen: Na gut, sie ist im echten Leben Autorin, für sie ist das nicht so schlimm. Aber selbst wenn man ein Drittel der Dringlichkeit, die das Buch ausstrahlt, abzieht, macht diese Bestandsaufnahme der Arbeitswelt vor allem eines: Angst. Dabei ist die Autorin weiß Gott gewieft, kann mit Sprache umgehen und weiß sich nach Ihren eigenen Beschreibungen bestens zu verkaufen – doch niemand interessiert sich für sie. Nur eine Versicherungsgesellschaft, die Ehrenreich/Alexander als Vertreterin engagieren möchte. Im Bewerbungsgespräch aber erfährt sie, dass ihr Arbeitgeber den sorgsam ausgetüftelten Lebenslauf samt Fähigkeitsbeschreibungen nicht einmal gelesen hat. Ehrenreich zitiert im Buch Sätze wie den folgenden, den ihr eine arbeitslose Akademikerin schrieb: Ich habe alles gemacht, von Toiletten schrubben bis Wohnungen in dieser [Wohn]Anlage putzen, für acht Dollar die Stunde. Acht Monate lang, und der einzige Vorteil war, dass ich dabei fast zwanzig Pfund abgenommen habe. Und ich habe jetzt mehr Respekt vor den vorwiegend hispanischen Arbeitnehmern, die normalerweise solche Jobs machen. Die Beschreibungen in diesem Buch gelten nicht nur für Nordamerika. In Schattierungen tut sich bei uns das gleiche Problem auf: Wer im Alter von 40 Jahren den Job wechseln will oder einen neuen sucht, steht mitunter vor gewaltigen Problemen. Hinzu kommt das nächste Problem: Weil wir uns immer noch oder immer mehr mit unserer Arbeit und dem dabei erzielten Erfolg identifizieren, leiden wir Not, wenn aus dieser Quelle kein Wasser mehr fließt. Abgesehen von den finanziellen Nöten, die die Arbeitslosigkeit beiführt, ist deshalb der Schaden an der Seele der viel Größere: Wie lange erträgt das Ego Ablehnung? Es hilft nur ein Aufstand Im Resultat scheint es immer komplizierter zu werden, über die Schnittstellen zu schreiten, die sich nach dem Studium auftun und nach dem ersten Job, den man entweder hinter sich lässt oder aus dem man entlassen wird. Das suggerieren oder zeigen solche Bücher und bei Licht betrachtet braucht es dazu diese Bücher nicht. Eine aufmerksame Betrachtung des Verwandten- und Bekanntenkreises fördert schon jetzt auch in Deutschland ähnliche Ergebnisse zutage: Die Arbeitswelt ist im Umbruch, und zwar ganz gewaltig. Lösungen fallen Ehrenreich nicht ein und dafür braucht man sie nicht schimpfen. Sie wäre die Erste mit einer Lösung. Sie schreibt von einem gemeinsamen Aufstand der Entrechteten, der irgendwann kommen müsse. Vielleicht sind die Studentenproteste in Frankreich der Beginn einer solchen Bewegung, mit der Menschen nach anderen Formen der Organisation des Arbeitsmarktes fragen. Im besten Fall bleibt es nicht bei der Hoffnung auf einen Aufstand. Sonst nämlich häufen sich Absätze wie der folgende in Ehrenreichs Buch: Für eine Frau namens Leah war die Stellensuche teilweise so belastend, dass ihre Gesundheit gefährdet war, wie sie mir in einer E-Mail schrieb: Der enorme Druck hat seinen Tribut gefordert, und es gab etliche Situationen, in die ich „zum ersten Mal in meinem Leben“ geriet. Zum ersten Mal fand ich mich mit der Diagnose „schwere Panikattacke“ auf einer Intensivstation wieder... Ich hatte mit meinem Wagen an den Straßenrand fahren und die Notrufnummer wählen müssen. Mein Herz raste, meine Kehle schwoll zu, mein Körper war völlig taub, und meine Motorik war so beeinträchtigt, dass ich das Steuer nicht mehr halten konnte und furchtbar zitterte. [...] Barbara Ehrenreich: qualifiziert & arbeitslos, Verlag Antje Kunstmann, 256 Seiten, 19.90 EUR

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