Angestrichen: Kuzmanys kleine Welt

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Angestrichen: "Hast du dir eigentlich schon mal Gedanken darüber gemacht, welches Huhn dieses Ei gelegt hat, das du da gerade isst?", frage ich. Wo steht das: In "Gute Marken, böse Marken" von Stefan Kuzmany Kann sich noch jemand an „Sophies Welt“ erinnern? Ein dickes Buch, das die Welt der Philosophie bestsellertauglich aufbereitete. Darin ging das Mädchen Sophie unbefangen durch die Gegend und erlebte dauernd Kleinigkeiten, die sich dann als Frage von weltphilosophischem Ausmaß herausstellten. Das war schon damals eine ziemlich durchsichtige Nummer, aber die schwierige Philosophie heiligte offenbar die etwas naiven Mittel. Nun hat Stefan Kuzmany ein Büchlein geschrieben. Es sieht sehr gut aus, mit dem verfremdeten Coca-Cola-Schriftzug vorne drauf, der den Signaltitel „Gute Marken, böse Marken“ transportiert. „Konsumieren lernen, aber richtig“ sagt die Unterzeile und man freut sich beim Aufschlagen darauf, wie taz-Redakteur Kuzmany auf den folgenden 180 Seiten Marken und Konzernen verstörende Machenschaften zur Last legen, die Gewohnheiten der Gesellschaft sezieren und für unkonventionellen Gesprächsstoff sorgen wird. Aber dann wird alles ganz anders. Statt nämlich zum Nachdenken anzuregen, hat Kuzmany weitgehend längst Bekanntes noch mal aufgeschrieben. Und dieses 0815-Gerede über Apple (Erkenntnis: produziert unfair in Asien) oder American Apparel (Erkenntnis: Eigentümer ist ein Chauvinist) hat er nach „Sophies-Welt“-Manier in seinen Alltag eingeflochten, ohne dass sich daraus irgendetwas, sei es Erkenntnis, Empörung oder Erzählgenuß, für den Leser ergibt. Es führt lediglich zu einer Menge ungeschmeidiger Wendungen, wie der oben angestrichenen. „Einen Fujitsu Siemens hast du? Wusstest du, dass die weniger als drei Gramm Blei pro Hauptplatine verbauen?“ Solche Mails bekommt der Ich-Erzähler Kuzmany angeblich von seinem Bruder, während er über Ganzheitlichkeit von (Lifestyle)-Elektronik nachdenkt. Ganzheitlichkeit bedeutet hier aber vor allem, dass alles Mögliche durcheinander gedacht wird. Angesichts des Siemens-Laptops erzählt der Autor erst Lapidares über die Umwelt- und sonstige Freundlichkeit der Elektronikkonzerne, um dann nach lustlosem Herumstochern seitenlang festzustellen, dass ja eigentlich an Computern ohnehin viel zu viel Zeit verloren geht und dass wir all den Speicherplatz gar nicht nötig hätten. Und das ist dann ein Kapitel. Im nächsten wird er in Italien von einer Art Klima-Mafia verhört, die ihm seinen CO2-Verbrauch vorrechnet. Eine Idee mit dem Esprit einer Umweltbroschüre für Schüler. Irgendwann später macht er sich mit seiner Freundin auf die Suche nach der Herkunft seines Frühstückseies. Zöge man die schließlich recherchierte Antwort auf diese recht interessante Frage von dem hampeligen Drumherum-Palaver (er tauft das Huhn "Lotte" und will es adoptieren) ab, bliebe vielleicht eine informative Seite netto. Als Leser fragt sich man sich spätestens an dieser Stelle, ob man nicht beim CO2 für den Druck dieses Buches hätte sparen können. Dieses (eigentlich taz-ungemäße) gehaltlose Aufplustern findet weiterhin seinen Niederschlag in Ratgeberkästchen, “Was Sie tun können“, in denen ironisch Kapitel-Fazit gezogen wird, zum Beispiel im CO2-Kapitel steht da:„Bleiben Sie zu Hause. Heizen Sie nicht. Das Ende ist nah.“ Haha. Die gleiche Ironie findet sich auch in den Fußnoten, die damit ihren Ruf als seriöse Quellenangaben auch eher schädigen. Das ist komisch. Kuzmany schreibt sonst sehr lesbare Sachen in der taz und verwirrt jetzt mit einem Buch zu einem aktuellen Diskurs, das überhaupt nichts ist. Es sind nicht, wie manchmal anklingt, lakonische Aufzeichnungen eines normalen Konsumenten der vom Gutmenschentum überfordert ist. Es sind nicht, wie selten anklingt, Notizen eines investigativen Journalisten zur Konsumwelt. Es ist weder Manifest noch Handlungsanweisung und Prosa ist es schon gar nicht. „Sophies Welt“ für die Basic-Generation? Ne, dafür ist es zu dünn.

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Illustration: Julia Schubert

"Gute Marken, böse Marken" von Stefan Kuzmany ist im Fischer Verlag erschienen und kostet acht Euro.

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