Anthony Doerr im Interview

Fotos: kheira-linder Der amerikanische Autor Anthony Doerr befindet sich gerade auf Tour durch Deutschland und stellt seinen ersten Roman „Winklers Traum vom Wasser“ (Originaltitel: „About Grace“) vor.
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Illustration: Julia Schubert

Fotos: kheira-linder Der amerikanische Autor Anthony Doerr befindet sich gerade auf Tour durch Deutschland und stellt seinen ersten Roman „Winklers Traum vom Wasser“ (Originaltitel: „About Grace“) vor. Die Hauptfigur des Romans, David Winkler, besitzt die besondere Fähigkeit im Traum manchmal Ereignisse zu sehen, bevor sie eintreten. Als er träumt, dass seine kleine Tochter in einer Flut ums Leben kommt, während er sie versucht zu retten, verlässt er panisch seine Familie und seine Heimat. Kann er so den Lauf der Dinge ändern? Im Interview mit jetzt.de spricht Anthony Doerr über seine Beruf, seine Arbeitsweise und was für ihn das faszinierende am Wasser ist. Wann haben sie angefangen zu schreiben? Ich hab schon mit sechs Jahren immer für meine Mutter Geschichten über mein Spielzeug geschrieben. Richtig angefangen habe ich aber eigentlich erst nach der Unizeit, so mit 23, richtig angefangen. Ich hab damals in einem Skiort in Colorado gearbeitet. In diesem Ort gab es eine tolle Sache, genannt „freebox“. In die konnten die Leute, die abreisten, Dinge legen, die sie nicht mehr brauchten, wie alte Kleider, gebrauchte Schischuhe und auch Bücher. Dort hab ich mir immer Bücher geholt, darunter Hemingway usw. Die hab ich dann in der Nacht gelesen. Am Tag fuhr ich Ski, am Abend hab ich als Koch gearbeitet und in der Nacht hab ich gelesen und dann auch selbst geschrieben. Wie arbeiten sie? Haben sie bestimmte Rituale? Schreiben sie jeden Tag oder nur wenn sie gerade eine Idee haben? Ich versuche wirklich jeden Tag von acht bis drei Uhr nachmittags zu schreiben. Wenn man auf eine Eingebung wartet, dann kommt sie nie. Aber ich arbeite nicht am Wochenende, meine Frau und ich haben zwei Kinder und dann versuche ich, ihr auch zu helfen. Wenn ich auf Reisen bin, schreibe ich auch nicht. Es ist schwer sich im Flugzeug oder so zu konzentrieren. Aber wenn ich zu Hause bin, schreibe ich oder recherchiere zumindest an jeden Wochentag. Ich versuche in dieser Zeit auch nicht, mich durch E-mails lesen oder sonstiges abzulenken. Was beeinflusst sie beim Schreiben? Woher bekommen sie ihre Ideen? Das ist eine komplizierte Sache. Oft beim Lesen von Zeitungen oder Magazine. Für dieses Buch beispielsweise: Das Buch „Snow Crystals“ von W. A. Bentley, W. J. Humphreys. Vorbild für Winkler, die Hauptfigur meines Romans, war auch ein Bauer aus den 20-iger Jahren, der bei Schneestürmen immer hinaus ging und Fotos von Schneeflocken machte. Er verdiente nie Geld, wurde von seinen Nachbarn nur als Verrückter ausgelacht und starb schließlich in einem starken Schneesturm. Das faszinierte mich. Ich recherchierte über diesen Mann sehr viel und versuchte, aus ihm einen Charakter zu machen. Es ist oft eigentlich nur etwas, was einen interessiert oder fasziniert. Das bewegt dann zum Schreiben. Ihr erstes Buch war eine Sammlung von Erzählungen. Was bewegte sie dazu, nun einen Roman zu schreiben? Eigentlich die Vorstellung, dass es sehr schwierig ist, einen Roman zu schreiben. Eine Kurzgeschichte zu schreiben ist auch schwer, aber wenn sie nichts wird, sind nur zwei oder drei Monate deines Lebens vergeudet. Ein Roman ist ein großes Projekt, das ist faszinierend. An „Winklers Traum vom Wasser“ schrieb ich drei Jahre. Irgendwie ist das auch beängstigend, wenn du drei Jahre in etwas investierst und es besteht die Möglichkeit, dass es vielleicht nichts wird. Diese Spannung macht süchtig. Einen Roman zu schreiben ist, wie ein Haus zu bauen. Eine Kurzgeschichte ist da nur ein Raum. Und sie wollen noch weitere „Häuser bauen“? Ja. „Winklers Traum vom Wasser“ habe ich vor ungefähr einem Jahr beendet. Nun schreibe ich an einem neuen Roman. Das Element Wasser in diesem Roman eine große Rolle. Einerseits in Form der Schneekristalle als Wunder der Natur, andererseits in bedrohlicher Form, als Flut. Was fasziniert sie so am Wasser? Ich finde es einfach so interessant. Wir sind Wasser, 70% unseres Körpers sind Wasser und wir können nicht leben ohne Wasser. Es erinnert mich auch daran, unser Leben nicht als selbstverständlich zu sehen. Wasser ist eine konstante Sache. Die Menschheit kommt und geht. In 200 Millionen Jahren sind wir Menschen vielleicht nicht mehr da, aber Wasser wird es mit Sicherheit noch geben. Es gibt so viele Wunder rund um das Wasser, zum Beispiel Schnee. Man muss sich vorstellen, in einer Schneeflocke sind 1000 Billionen Schneekristalle, in jedem einzelnen. So wunderschön und keiner beachtet sie. Auf solche besonderen Dinge sollte man sich mehr besinnen und sie genauer beachten und versuchen zu begreifen. Daher wollte ich ein Buch darüber schreiben, aber natürlich auch zur Unterhaltung. Haben andere Bücher oder Autoren ihre Arbeit beeinflusst? Auf jeden Fall. Immer wenn ich von meiner Arbeit gelangweilt bin oder mich frage, warum tue ich das eigentlich, hilft es mir sehr, ein Buch zu lesen. Sich einfach einen ganzen Tag Zeit zu nehmen und etwas zu lesen, was ich gerne mag. Oder einen neuen Autor zu finden, den ich gut finde. Zum Beispiel Virgina Woolf, William Faulkner oder Rick Bass. „Moby Dick“ finde ich, ist auch so ein wunderschönes Buch, das ich immer wieder gerne lese. Sie haben viele Preise gewonnen. Auf welchen sind sie am meisten stolz? Es gibt einen Preis für Kurzgeschichten, den O. Henry Preis. Zwei meiner Kurzgeschichten wurden damit ausgezeichnet. Alle bisher ausgezeichneten Texte werden in ein Buch gesammelt. So kann man seine Namen neben großen Autoren sehen, die man schon als Kind gelesen hat. Da denkt man sich: Ich hab’s geschafft! Mein Traum ist wahr geworden. Winklers Traum vom Wasser von Anthony Doerr, 486 Seiten, 24,90 Euro. Erschienen im C.H. Beck Verlag .

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