Arbeit für Bier und T-Shirts

Amanda Palmer möchte gute Musiker für ihre Live-Shows. Nur bezahlen kann sie die leider nicht. Ausbeutung des Musiker-Prekariats oder Win-Win-Situation?
max-muth

Angestrichen:
"anyone is allowed to crowdfund a record. and anyone is allowed to crowdsource a musician. or a pair of socks. or a place to crash. or a meal. anyone. the band at the local pub can do it, i can do it, tom waits can do it, and justin bieber can do it (his fans would FLIP to be up on that stage making music with him. i’m imagining a crowdsourced belieber playing violin on “boyfriend” right now and loving the image, truly. it’s also fun to think of tom waits wearing fan-knit-socks.)"

Wo steht das denn?
In dem Blog der US-amerikanischen Cabaret-Punk-Musikerin Amanda Palmer. Normalerweise hält die ehemalige "Dresden Dolls"-Frontfrau und Ehefrau von Neil Gaiman hier ihre Fans über Projekte und Touren auf dem Laufenden. Diesmal verteidigt sie sich in einem langen Blogpost gegen Vorwürfe, sie würde Musiker ausbeuten.

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Illustration: Julia Schubert

Amanda Palmer, womöglich gerade am Bloggen, vermutlich aber nur posierend.

Was steckt dahinter?
Vor einem Monat startete die 36-jährige auf ihrem Blog einen Aufruf: Sie suche semi-professionelle Bläser und Streicher, die für ein bisschen Merchandising, freie Getränke und Dankbarkeit bei ihrer "Theatre is Evil"-Tour mitspielen würden. Daraufhin beschwerte sich die Musik-Gewerkschafterin Amy Vaillancourt-Sals in einem offenen Brief über diese Ausbeutung von Musikern. "Wir sind Musiker, die von Essensmarken leben, wir überziehen unsere Kreditkarten um Strom zu haben, hoffen, dass wir genug Geld für die Miete haben werden. Unsere Instrumente müssen repariert, ersetzt oder sogar versichert werden."

Nachdem am Mittwoch die New York Times in einem Blogpost die Story aufgriff, fühlten sich immer mehr Menschen dazu berufen, ihre Meinung zum Thema über Twitter und andere Plattformen kundzutun. Alternative-Rocker und Starproduzent Steve Albini beschimpfte Amanda Palmer in einem Forum als Idiotin, die es nicht auf die Reihe bekomme, ihre Musik ohne fremde Hilfe zu produzieren.

Vielleicht sind die Reaktionen auch deshalb so heftig, weil Amanda Fucking Palmer (so nennt sie sich selbst bisweilen) vor ein paar Monaten mit der Crowdsourcing-Plattform kickstarter.com knapp 1,2 Millionen Dollar von ihren Fans eingetrieben hatte, um das aktuelle Album und die Tour zu finanzieren. Das ist die größte Unterstützung auf kickstarter, die je ein Musikprojekt generieren konnte. Viele halten es deshalb für schwer zu glauben, dass von diesem Geld nicht die 35.000 Dollar übrig sein sollen, die Palmer bräuchte, um alle Musiker ordentlich zu bezahlen.

Amanda Palmer selbst ist sich keiner Schuld bewusst. Der New York Times gab sie zu Protokoll: "Wenn ihr sehen könntet, mit welchem Enthusiasmus diese Menschen dabei sind, dann würde euer Argument sich in Luft auflösen. Die Leute sind einfach glücklich dabei zu sein."

Natürlich hat Palmer recht, wenn sie behauptet, es sei die freie Entscheidung der Gastmusiker, ob sie mitspielen wollen oder nicht. Für professionelle Bläser und Streicher, die keine sichere Stelle in einem Orchester haben, dürfte Palmers Aufruf dennoch zynisch klingen. Wer jeden Monat darum kämpft, die Miete bezahlen zu können, für den ist kostenloser Support für eine erfolgreiche Musikerin eben eher nicht mit der eigenen Würde vereinbar. Für Hobby-Musiker und Palmer-Fans, die ihr Geld als Gärtner oder Informatiker verdienen, könnte das Angebot jedoch ideal sein. Sie bekommen die Gelegenheit, mit ihrem Idol auf der Bühne zu stehen, backstage mit der Band abzuhängen und kriegen am Ende ein T-Shirt geschenkt.

So ähnlich ist es auch mit der "Generation Praktikum". Möchtest du gerne drei Monate Kaffee kochen und kopieren, um Leuten dabei zusehen zu dürfen, wie sie den Job machen, den du hoffst, später einmal machen zu dürfen? Eigentlich nicht. Und trotzdem hangelst du dich wie tausende junger Menschen von Hospitanz zu Praktikum zu andern lateinischen Bezeichnungen prekärer Arbeit, in der vagen Hoffnung auf ein geregeltes Einkommen in der Zukunft. Ist das bei Musikern anders? Wahrscheinlich nicht. Deshalb ist der Shitstorm verständlich, der gerade über Frau Palmer hereinbricht - aber dennoch nicht berechtigt. Denn es fühlen sich zwar auch die erfolglosen Prekariatsmusiker angesprochen. Doch eigentlich zielte Palmer nur auf die leidenschaftlichen Hobby-Geiger, die froh sind, ein High-Five von der Musikerin abzustauben.


Text: max-muth - Foto: Shervin Lainez

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