Auf dem Traumschiff mit Sean Rowe

Angestrichen: Es war eine herrliche, wilde Art zu reisen, dachte ich später, nachdem ich die Löcher im Rumpf mit Klebeband abgedichtet und das Blut aus dem Speigatt gespült hatte.
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Illustration: Julia Schubert

Wo steht das denn? In „Traumschiff“ von Sean Rowe. Der Autor befuhr schon mit einem selbst gebauten Floß den Mississippi, arbeitete als Journalist und Krankenpfleger auf einer Intensivstation. Und er überlebte es, von einem Zug angefahren worden zu sein. Während andere nach einem solchen Unfall von einem „Wunder“ redeten, vielleicht im Glauben oder esoterischen Ansätzen aufgingen oder in Talkshows vom Licht am Ende des Tunnels berichteten, macht Rowe etwas völlig anderes: Er schreibt ein abgründig böses Buch. In „Traumschiff“ geht es nicht um Hoffnung oder eine bessere Welt. Matt Shannon, der Ich-Erzähler, ist Ex-FBI-Agent und arbeitet nun für eine Sicherheitsfirma. Matt trauert seiner verstorbenen Frau nach. Er ist einer, der mal ein Leben hatte und nun an Erinnerungen klebt. Der säuft, um nicht denken zu müssen, und die Tage ungenutzt vorüber streichen lässt. Sein Stiefbruder Jack Fontana wird gerade aus dem Gefängnis entlassen wegen einer Sache, an der Matt nicht unschuldig ist. Jack trifft sich mit ihm und schon wird der Leser mitten hineingezogen in die Geschichte. Denn Fontana bringt Matt dazu, eher versehentlich einen Frachter mitten im Hafen von Miami in die Luft zu sprengen. Nun hat Fontana die Kontrolle über Matt. Er will ihn bei einem großen Coup dabei haben: Es sollen Millionen Dollars an Drogengeld vom Bord eines Kreuzfahrtschiffs gestohlen werden. Das klingt nach kühler Gangster-Posse wie sie von Guy Richie erzählt werden könnte, nur dabei bleibt es nicht. Denn hinter den von Rowe entwickelten Beziehungsgeflechten stecken Tragödien wie sie böser kaum sein könnten. In der Diebestruppe um Matt und Jack finden sich verlorene Seelen. Und eine Frau, Julia, zu der sich Matt hingezogen fühlt und die ein Geheimnis in sich trägt. Der Autor schmückt die Rahmenhandlung detailliert aus. Er beherrscht den klassischen Thriller, Spannung wird auf den Punkt genau erzeugt. Ansonsten jedoch beschränkt er sich auf Andeutungen, nutzt biblische Motive (Kreuz, Kreuzigung) und bleibt bei den Tötungen und der einzigen Sexszene des Romans klinisch kühl. Dadurch wirft er Fragen auf: nach gut oder böse, richtig oder falsch. Antworten liefert er nicht. „Traumschiff“ lässt den Leser mit einem bitteren Nachgeschmack zurück. Wegen der Ahnung, dass Liebe und Hass vielleicht viel näher beieinander liegen, als man je geglaubt hat. Steht im Bücherregal zwischen: Helmut Kraussers „Thanatos“ und der „American Psycho“ von Bret Easton Ellis.

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