Aufschrei zur Unzeit? Ein Prof schmeisst wegen Hochschulreform hin

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Angestrichen: Ohne [die] Bereitwilligkeit der Betroffenen wäre die Umwandlung der Universität in eine Tretmühle und Lernfabrik gar nicht möglich. Widerstand? Demonstrationen? Boykott? Der berühmte „Aufschrei“? Nichts oder fast nichts von alledem. Man versichert mir von verschiedener Seite, gegen das Hochschulestablishment und die Bildungsbürokratie seien die Hochschullehrer praktisch machtlos. Leben wir denn in einer Diktatur? [...] Da niemand mit mir kämpfen will, bleibt mir nur das Opfer. Ich bin nicht „rekrutiert“, sondern berufen worden. Die wichtigste Voraussetzung für meine Berufung aber ist mit dem neuen System in meinen Augen nicht mehr gegeben. Deshalb habe ich die Entlassung aus dem Dienst beantragt. Wo steht das denn? Vergangene Woche im Feuilleton der FAZ, wo Marius Reiser, Professor für Neues Testament am Fachbereich Katholische Theologie der Universität Mainz, erklärt, warum er in wenigen Wochen seinen Lehrstuhl räumt. Er beginnt seine Kritik am Bologna-Prozess markig und mit den Worten "Es war einmal eine Institution, die nannte man Universität". Dann fällt er in ein bekanntes Lied der Entrüstung, in dem mal wieder vom Untergang der guten alten Uni die Rede ist. Der Ärger des Professors kommt spät, aber immerhin mit Schmackes: Wir sehen einen 54-Jährigen, der freiwillig seinen Job hergibt, weil ihm die Sorglosigkeit und Bravheit, mit der eine oktroyierte Reform bei uns umgesetzt wird, auf den Senkel geht. Zwar hat der Deutsche Hochschulverband, die Vertretung der Lehrenden an den Hochschulen, im vergangenen Jahr die Situation an den Unis schon großbuchstabig angeprangert. Aber von vergleichbaren Märtyreraktionen wie jener von Prof. Reiser wusste bislang niemand zu berichten. Reiser ärgert die Verschultheit und die Ökonomisierung, mit der die Reform verbunden war und bis 2010 abgeschlossen sein soll. Er zitiert aus dem "Bologna-Reader" der Hochschulrektorenkonferenz die Worte "Wettbewerbsfähigkeit", "Synergien", "Rekrutierungsverfahren" und ist bestürzt, dass niemand mehr davon schreibt, dass Erkenntnis auch ein Wert ist, der um seiner selbst Willen bestehen kann. Konsequenterweise sieht er sich zum Schullehrer degradiert und zitiert sich prominente Helfer zur Seite. Karl Jaspers etwa, der schon 1930 schrieb, dass eine Hochschule, die zur Schule mutiere, nur irr gehen könne: „Dem Einzelnen wird die Gefahr seines selbst zu suchenden Weges abgenommen durch einen zwangsläufigen Studienplan.“ Und John Henry Newman kommt in dem als Demissionsschreiben angelegten Text zu Wort, der im 19. Jahrhundert eine Uni in Dublin gründete und der Ansicht war, dass eine Uni „keine Fabrik, keine Werkstatt und keine Tretmühle“ sein dürfe. „Ohne Selbstbestimmung und Unabhängigkeit“, so Newman weiter, „kann kein großes oder lebendiges Werk gelingen.“

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Illustration: Julia Schubert

Absolventen der International University in Bremen: In der Tretmühle? Reiser ist nun verzweifelt und wähnt sich an der Grenze zur Bildungsdiktatur, in der die meisten seiner Kollegen privat ihren Zorn über die Reform äußern, ihn aber nicht laut aussprechen. Er sieht Studenten und Lehrende vor sich, die jedes neue Joch schultern als hätte der liebe Gott dazu keine Alternative erfunden. Den Text des Mainzer Theologen zu lesen macht gute Laune. Nicht nur, weil ihn ein angenehmer Hauch von Rebellion durchweht. Gerade pointierte Einzelmeinungen machen die Diskussion über Hochschulpolitik interessant, weil sie mehr Ecken und Kanten enthalten, als sie die Pressemitteilungen ganzer Berufsverbände enthalten können. Fraglich ist nur, ob Reiser sich nicht vielleicht im Timing vertan hat. Die großen Bologna-Diskussionen sind bereits geführt, der Jammer der Studenten wurde publik gemacht, die Kritik von Studentenwerk und Hochschulverband fand im vergangenen Jahr und früher ihren Weg in die Medien. Und in der Tat tut sich nun etwas, wenn die Hochschulrektorenkonferenz, wie vor einigen Monaten geschehen, zum ersten Mal nötige Korrekturen der Reform eingesteht. Die Studenten ärgerten sich bislang zum Beispiel, dass sie unter den neuen Studienbedingungen nur kurz oder überhaupt nicht für ein Jahr ins Ausland verschwinden können - dabei hätten die Hochschulen die Freiheit, den Bachelor statt sechs auch auf sieben oder gar acht Semester anzulegen und damit den Studenten wieder Luft zu verschaffen. Die Hochschulchefs müssen nur ermutigt werden, diese Freiheiten auch zu nutzen. Wenn es dumm geht, ist Reiser zur falschen Zeit von Bord gesprungen. Zu einer Zeit, in der die Experten über eine zweite Bologna-Reform sprechen, in der dann gekittet werden soll, was in der ersten Runde an der guten alten Institution Uni kaputt gegangen ist. Es kann sogar sein, dass das Studium künftig wieder ähnlich lange dauern wird wie zu Zeiten der alten Studienordnung. Es kann also sein, dass das Märtyrertum des Professor Marius Reiser irgendwann bloß eine Anekdote aus der kurzen Zeit des Kampfes gegen eine zu krass geratene Hochschulreform sein wird. Kann so kommen, muss aber nicht: Angeblich hat die Universität Mainz Reisers Demission noch nicht angenommen.

Text: peter-wagner - Foto: dpa

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