Beischlaf mit Worten: Die Poetry-CD „All das. All diese Dinge“

Angestrichen: Wer die Haut durchfeuchtet, der hat Recht. Und wer sich wohl fühlt, der hat Recht. Und nun gleite, schmiere und massiere ich meine rechte Pobackenwölbung. Denn dann seht ihr, wie straff regenerierende Pflanzenextrakte den Kollagenanteil meines Pos in essentiellen Ölen samtphytostimulinen obtimierkorrigieren tun. Und das Ganze über Nacht, und das Ganze über Nacht: Po, mein Pöchen, schlaf gut.
kathrin-ruther
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Illustration: Julia Schubert

Wo steht das denn? Wahrscheinlich in einem Skript von Timo Brunke. Die Zeilen sind der Anfang des vierten Tracks "Krem" auf seiner Debüt-CD "All das. All diese Dinge". In der Rolle einer jungen Frau preist der Sprechdichter Lotions, Crémes, Salben und Gummibaum-Extrakte aus Mailand, Rom und Paris an. Und sagt dabei unterschwellig den Anti-Ugly-Gels und den Age-Defense-Salben dieser Welt den Kampf an. Brunkes Stimme rappt, rasselt und rattert. Gegen Schönheitswahn, gegen Werbung, gegen Frauen, die sich über Kosmetik definieren. Die Stimme von Timo Brunke, seines Zeichen Performance-Poet, Wortkünstler und Poetry-Slam-Veranstalter in Stuttgart, ist weder besonders schön noch besonders auffällig. Aber besonders modulationsfähig. Brunke haucht sanft den Bestäubungsakt eines Tagpfauen ins Mikro. Treibt im Text "Coitus poeticus" die Worte hastig und begierig zum sexuellen Höhepunkt. Und kämpft als edler Lord Wort flink mit Niveauspray gegen den Bösewicht Egoman. Der will per Plastikspielzeug kleine Kinder gefügig für sein "großes Egospiel" machen. Thematisch lässt der Stuttgarter Poet also nichts aus: Sex, Schönheit, Städte, Spielzeug, alles da. Und auch stilistisch variiert Timo Brunke: Klassische Verse, relativ platte Deutschstundenzeilen im a-b-a-b-Reimschema oder Rap- und Songelemente. Ja, Timo Brunke singt, zum Beispiel die "Todesohrwürmer" im Track "Lord Wort und der Platikscheiß": "Das ist mir doch leberwurschtegal, leberwurschtegal, leberwurschtegal." Doch das wäre bei einem echten Poetry-Slams kein bisschen egal, denn die eherne Regel des Slams lautet: Kein Gesang, keine Kostüme. Sonst ist alles erlaubt: Gedichte, Kurzgeschichten, Gedankenfetzen, laut, leise, lustig, egal. Jeder darf mitmachen. Das Publikum entscheidet über Gewinner oder Verlierer, Lorbeeren oder Buhrufe. Aber "All das. All diese Dinge" ist nun mal kein Poetry-Slam, sondern eine CD. Und das ist irgendwie schade. Denn die Spannung und den Spaß eines authentischen Poetry-Slams kann Timo Brunke leider nicht in jedem Text transportieren. Denn Zeilen über Urbanität, Maßeinheiten der Zivilgesellschaft und Fragen wie "Entschuldigen Sie, wie viel Park ist das?" sind ohne Mimik und Gestik einfach nicht aussagekräftig genug. Deswegen verschwinden sie nach dem Hören sofort ins gedankliche Nirvana. Oder um es mit Brunkes Worten zu sagen: "Regie. Jingle. Und black." Steht im Bücherregal zwischen: "Poetry-Slam. Live-Poeten in Dichterschlachten. Ein Arbeitsbuch" von Petra Anders und "Wortsalat - Poetry Slam", präsentiert von Jack Gonski. All das. All diese Dinge von Timo Brunke, 16, 50 Euro, erschienen im Verlag Der gesunde Menschenversand.

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