Big Bang für Anfänger

Bild: Hanser Verlag angestrichen: Trotz des zunehmend von Toleranz geprägten geistigen Klimas in Athen machte man sich immer noch Feinde, wenn man behauptete, bei Sonne und Mond handele es sich keineswegs um Götter, sondern um einen heißen und einen kalten Stein.
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Illustration: Julia Schubert

Bild: Hanser Verlag angestrichen: Trotz des zunehmend von Toleranz geprägten geistigen Klimas in Athen machte man sich immer noch Feinde, wenn man behauptete, bei Sonne und Mond handele es sich keineswegs um Götter, sondern um einen heißen und einen kalten Stein. Eifersüchtige Rivalen beschuldigten Anaxagoras denn auch der Häresie und organisierten eine Hetzkampagne, die ihn schließlich ins Exil trieb. Die Athener hatten einen Faible dafür, ihre Stadt mit Götterstatuen zu schmücken, und im Hinblick darauf bemerkte Bischof John Wilkins 1638, dass ein Mann, der Götter in Steine verwandelte, von Leuten verfolgt wurde, die Steine in Götter verwandelten. Wo steht das denn? In „Big Bang – Der Ursprung des Kosmos und die Erfindung der modernen Naturwissenschaft“ von Simon Singh. Die wenigsten unter uns haben Ahnung von der kopernikanischen Wende oder wie man den Durchmesser der Sonne berechnen kann. Die Abscheu vor Naturwissenschaften ist weit verbreitet, es gibt ja auch unzählige Möglichkeiten, sich Physik, Mathe und Co. hässlich zu reden. Genau hier gelingt Singh nun eine – wenn auch nicht kopernikanische, so zumindest schwungvolle – Wende in der wissenschaftlichen Literatur, indem er den toten Gegenstand lebendig macht. Das läuft zum einen über seine Sprache. Man liest von Keplers Ellipsen und Galileis Teleskop und hat dennoch das Gefühl, etwas ähnlich simples wie das Einmaleins vor sich zu haben. Man erfährt, wie die Sache mit dem Schierlingsbecher damals genau lief, wieso Ptolemäus sich mit seiner Idee vom Heliozentrismus mächtig Ärger einhandelte, und hat kein bisschen das Gefühl, einen öden Geschichtsschmöker zu lesen. Singh kann sehr leichtfüßig und neuzeitlich schreiben, ohne dabei die historische Bedeutsamkeit der Fakten aus den Augen zu verlieren. Es wird nichts heruntergespielt oder verflacht, nur damit ein breites Publikum dem Text folgen kann. Man muss eher zugeben, dass das Lesen schon etwas Mühe macht. Weil aber immer wieder kleine Versuchsanleitungen, für die man nicht mal Material braucht, angeboten werden, kann man beispielsweise anhand eines vor die Augen gehaltenen Fingers nachvollziehen, was eine Parallaxe ist. Und für die Würze der toten Materie sorgen kleine eingeflochtene Anekdoten aus dem Leben der historischen Wissenschaftler. Schließlich und endlich hat das Lesen von „Big Bang“ noch einen positiven Nebeneffekt: Nach bereits einem Kapitel meint man wirklich, schon ein bisschen schlauer geworden zu sein. Steht im Bücherregal zwischen: „Alice zwischen den Welten“ von William Shanley und „Einstein for Dummies“ von Calle Carlos. Big Bang von Simon Singh, 560 Seiten, 24 Euro 90. Erschienen im Carl Hanser Verlag.

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