Blutig im Schlachthof

Angestrichen: Wer wie ich im Schlachthofviertel lebt, was nur einen Weg von ein paar Minuten ausmacht, gehört zum Abschaum.
michele-loetzner
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Illustration: Julia Schubert

Angestrichen: Wer wie ich im Schlachthofviertel lebt, was nur einen Weg von ein paar Minuten ausmacht, gehört zum Abschaum. Bei uns lässt man der Bierwampe durch den Gummizug einer Trainingshose freien Lauf, schleicht mit einem Adelskrone-Pils um das Arbeitsamt, wo sich immer ein paar Kumpane finden, und verprügelt abends seine Frau. Das Glockenbachviertel hingegen wird von bauchfreien Mädchen auf der Suche nach einem freien Tisch bevölkert, wo sie mit ihrer Freundin eine Latte Macchiato trinken und so lange über ihre Zukunft plaudern können, bis sie von ihrem Freund mit dem Auto abgeholt werden. Wo steht das denn? In Max Bronskis Kriminalroman „Sister Sox“. Hinter dem etwas unglücklich gewählten Titel steckt ein wirklich guter Milieukrimi, der überraschenderweise im allgemein immer aufgeräumten München spielt. Der Protagonist Gossec, von Beruf Antiquitäten-, besser gesagt, Ramschhändler erlebt im Jahrhundertsommer eine Woche, die es in sich hat. Sein ganzes Leben hat Gossec im rauen Münchner Schlachthofviertel verbracht, einer der wenigen Orte im von Weicheiern bevölkerten München, wo noch zumindest ansatzweise die Mülltonnen brennen. Gossecs Leben gerät außer Kontrolle als ihn der Hilferuf seiner Ziehtochter Pia erreicht. Pia, erfolgreiche Hip-Hop-Künstlerin, scheint auf dunkle Pfade gekommen zu sein und wie vom Erdboden verschluckt. Gossec fackelt nicht lange und macht sich auf die Suche. Dabei wird er in einen Bandenkrieg zwischen der russischen und italienischen Mafia verwickelt, bekommt öfters ordentlich Prügel und wird zum Schluss auch noch von den bierdoofen Wachtmeistern Dorst und Bungert verhaftet. Auf seiner Suche teilt er aber auch ordentlich aus, knackt einen Pornoring, zerschießt Wände mit einer gefundenen Kalaschnikow, bricht Türstehern nicht nur die Nase und lässt garantiert kein Weißbier aus. Gossec ist ein Held, und dazu auch noch einer, den man ernst nehmen kann. Seine Dialoge sind kurz und schmerzlos, genauso wie sein Auftreten. Max Bronski zeichnet mit seiner Wortwahl ein sehr schönes Bild von einem München, das nur wenige kennen. Gespickt mit Insiderwissen beschreibt er punktgenau das heruntergekommene Schlachthofviertel, den schmierigen Industriepark und die harmonische Vorortidylle, ganz abseits von dem sonst so typischen Schickimicki-München mit seinen hochgestellten Polohhemdkragen und Cabrios. Gossec ist Bronskis Zauberwaffe. Mit einer gottgegebenen Coolness rührt der Protagonist in einem Wespennest und löst damit eine längst überfällige Kettenreaktion aus. Mit viel Ironie und Sarkasmus lässt Bronski den Leser hinter die Postkartenidylle der oberbayerischen Landeshauptstadt blicken und führt auch dem größten Münchenpatriot vor Augen, dass man dort doch nicht überall vom Boden essen kann. Ein sehr lesenswerter Krimi erster Klasse sowohl für Münchenhasser als auch –liebhaber. Steht im Bücherregal zwischen: Sobo Swobodniks Krimi „Altötting“ und einem Greatest-Hits-Album von Bonnie Tyler. Sister Sox von Max Bronski, 192 Seiten, 16,90 Euro. Erschienen im Antje Kunstmann Verlag. Wer Max Bronski in echt erleben will, hat am 23. März hier die Möglichkeit, einer Lesung zu lauschen.

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