Brust und Lippen im Tokio Hotel

Foto: AP, Gitarrist Tom ist der zweite von links Angestrichen: „Ich teste erst mal 20 Hühner auf Brust und Lippen, bevor ich eine mitnehme.
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Illustration: Julia Schubert

Foto: AP, Gitarrist Tom ist der zweite von links Angestrichen: „Ich teste erst mal 20 Hühner auf Brust und Lippen, bevor ich eine mitnehme.“ Wo steht das denn: In Klatsch-Nachrichten mit der Überschrift „Tokio Hotel: Plattenfirma spricht ein Machtwort“. Es geht darum, dass sich die sehr minderjährige Hitparaden-Band Tokio Hotel in ihren Hotelzimmern sehr volljährig aufführt. Die Jungs sind dort mehrmals in Begleitung harter Drinks gesehen worden. Im Zuge solcher Feierlichkeiten kam es auch zu dem edlen Brust-und-Lippen-Bekenntnis von Musikant Tom (16). Interessant ist dabei die recht altmodische Wortwahl. Das liebevoll-chauvinistische „Hühner“ als Synonym für Angehörige gepiercter Mädchencliquen, zeugt von Ritterlichkeit vom Schlage „Burg Schreckenstein“. Die aktuelle Jugendsprache hielte vermutlich Schlimmeres parat, gleichwohl hat sich der Protagonist bewusst dagegen entschieden. Das Gleiche gilt für „Brust und Lippen“, was an medizinische Fachsprache denken lässt. Folgender Dialog wäre ähnlich plausibel: „Tom gehst du gleich zum Hals-, Nasen-, Ohrenarzt?“ – „Nein Bill, ich teste erst mal auf Brust und Lippen.“ Durch den gewollt fragmentarischen Stil, entsteht beim Lesen der Eindruck, besagte Hühner würden von Tom auf das alleinige Vorhandensein (sic!) von Brust und Lippen untersucht. Das ist als geschickte Anknüpfung an eine Metaebene des Satzes zu deuten, die viel über das Leben in der diffusen Popwelt verrät: Durch die optische Absicherung von „Brust und Lippen“ schützt sich Tom unterbewusst davor, versehentlich etwa einen androgynen Holzfäller „mitzunehmen“. Bedenkt man dazu die transsexuelle Ästhetik von Tokio Hotel, erkennt man in diesem Satz die autobiographische Parabel auf eine Band, die ihre Gratwanderung zwischen entmenschter Sexualisierung und Massenwahn besonnen reflektiert.

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