Champions League küsst Kreismeister

Hat man ein Date, wird gegenseitig die Kampfklasse abgecheckt: Ist er oder sie ausreichend schön, gebildet? Es wert, dass wir uns treffen? Über einen hässlichen Aspekt der Partnerwahl.
juliane-frisse

Angestrichen:I didn't learn much — except don't ever look over a woman's shoulder while she's on a date — so I amused myself by developing my theory that always people dated up or down, from one genetic platform to another. It was my own bar game, to figure out how far off the two people were before they themselves even knew. There were, in the universe I created, no perfect matches. There aren't, on the surface, in any. But for every pair, one of the two people was by necessity "dating up." Usually the man.Wo steht das denn?In "How to Date Up" von Tom Chiarella. Der Text ist auf der Website des Männermagazins "Esquire" erschienen, das man hierzulande vor allem kennt, weil die Redaktion jährlich die "Sexiest Woman Alive" kürt. Chiarella schreibt für "Esquire" eine Kolumne, in der er seinen männlichen Lesern Ratschläge für den Umgang mit der Frauenwelt gibt. Und was soll das Ganze?Tom Chiarella erinnert sich an seine Zeit als Barkeeper, in der er Limetten schneidend Paare bei ihrem ersten Rendezvous beobachtete. Aus seinen Kneipenstudien nimmt er für sich die Erkenntnis mit: Wenn Menschen daten, spielt immer einer der beiden mindestens eine Liga über dem anderen. Weil er oder sie besser aussieht, spritziger erzählen kann oder besser angezogen ist. Perfekte Passungen gebe es nicht. Meistens sei es der Mann, der aufwärts date und sich mit einer Frau treffe, die eigentlich viel zu gut für ihn sei.Lange ist es her, dass Chiarella als junger Typ an der Bar arbeitete und erstmals über die Kampfklassen der Liebe nachgedacht hat. Inzwischen hat er die Fünfzig überschritten und lässt seine eigenen Dates seitdem Revue passieren: Manchmal kann er rückblickend gar nicht beurteilen, ob er aufwärts oder abwärts gedatet habe, bei all der Aufregung, die mit den Verabredungen einher ging. Aber es gab eben auch die Dates mit der Vize-Miss Alabama, dem Erstliga-Cheerleader und der Wettermoderatorin aus dem Lokalfernsehen, die ständig Autogramme geben musste. Eindeutige Fälle von Aufwärts-Dating, sagt Chiarella. Über die Damen, die er heute Ligen unter sich einstuft, schweigt er sich höflicherweise aus.     

Zumindest anatomisch daten diese beiden in etwa auf Augenhöhe.

Foto: nicolasberlin/photocase.com

Liest man Chiarellas Einschätzungen seiner Dates, mag man ihn durchaus unsympathisch finden: Was ist das für ein Kerl, der Frauen so offensichtlich vor allem nach Optik in Töpfchen und Kröpfchen sortiert? Wieso sind nur Beinahe-Schönheitsköniginnen und Cheerleader top? Was ist mit all den klugen, witzigen und anders großartigen Frauen, die er bestimmt ebenfalls gedatet hat? (Er war schließlich Barkeeper.)        Allerdings gibt Chiarella seinen Lesern einen Rat, den auch Leserinnen, ja, wir alle, berücksichtigen sollten: Date stets aufwärts! Das klingt zunächst kaltherzig und nutzenmaximierend. Doch wer sich verknallt, der hebt den anderen ja immer erst einmal auf ein Podest. Tut man das nicht mal in der rosarotesten Phase, ist man vermutlich gar nicht wirklich verliebt. Man muss daher in der Anbahnungsphase wohl zwangsläufig das Gefühl haben, aufwärts zu daten. Zwar nicht unbedingt mit dem gefühlten Abstand vom Kreisligist zur Champions League – dann dürfte die amouröse Angelegenheit nämlich ganz schnell in einem zum Scheitern verurteilten Ungleichgewicht enden. Man sollte also bloß denken, dass man aufwärts datet. Und der andere sollte das von sich auch annehmen. Und gleichzeitig lässt man sich gegenseitig natürlich nicht merken, dass man denkt, der andere sei eine Spur zu gut für einen. Kompliziert ist das! Aber man muss da wohl durch: Denn wenn ein potentieller Partner auf einem leicht erhöhten Level beginnt, wird er später in der Alltagsentzauberung auf ein angenehmes Normalmaß absinken. Man selbst hat für den anderen dann auch das Podest verlassen. Jetzt begegnen sich beide Seite auch auf gefühlter Augenhöhe und bestenfalls ist man lange miteinander glücklich und geht am Wochenende zusammen in den Zoo. Das Kampfklassen-Denken und der ihm zugrunde liegende Automatismus, sich und andere Menschen in Ranking-Tabellen einzuordnen, egal ob es ums Aussehen, die Klugheit oder was auch immer geht, ist furchtbar unsympathisch, aber wohl zutiefst menschlich. Schließlich läuft das Programm nicht nur bei der eigenen Partnerwahl ab. Wer war noch nie zumindest ein bisschen verwundert, wenn etwa eine Freundin ihren Neuen im Schlepptau hatte, der sehr viel attraktiver oder aber sehr viel lahmer war als sie? Wer hat sich dann noch nie gefragt, wie sie sich den geangelt hat oder was sie an dem Herren bloß findet? Wie verbreitet das Kampfklassen-Denken ist und welche Folgen es hat, kann man sich zum Beispiel von Soziologen erklären lassen. Die haben sich vor ein paar Jahren mal das Suchen und Finden der Liebe in Online-Partnerbörsen angesehen und festgestellt, dass Akademikerinnen Männer sofort wegklicken, die nicht ebenfalls studiert haben (außer der Herr ist Pilot), sondern Handwerker oder Reiseverkehrskaufmann geworden sind. Oder man guckt eine Folge „How I Met Your Mother“ und wohnt dem Elend einer Strecker/Füger-Beziehung bei. Weil man danach aber bitte niemals Strecker oder Füger werden will oder weil man die eine oder andere Rolle vielleicht auch selbst im eigenen Liebesleben schmerzhaft kennen gelernt hat, hofft man sehr, dass Chiarella unrecht hat mit seiner Behauptung, dass immer einer aufwärts und immer einer abwärts datet. Text: juliane-frisse 

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