Computer, sag mir, wo es knallt!

Ein Forscher aus den USA glaubt, mit seinem Supercomputer "Nautilus" vorhersagen zu können, wo Revolutionen und Kriege ausbrechen. Vielleicht hätte das Mensch-Maschine-Duo sogar Osama bin Laden schneller aufspüren können.
christian-helten

Angestrichen:
From forecasting impending conflict to offering insights on the locations of wanted fugitives, applying data mining approaches to the vast historical archive of the news media offers promise of new approaches to measuring and understanding human society on a global scale.

Was heißt das?
Einfach ausgedrückt: Ein Computer, der riesige Mengen an Text aus Medienberichten auswertet, kann uns neue Einblicke in die Funktionsweise unserer Gesellschaft geben und sogar die Zukunft vorhersagen.

Wo steht das?
In einem Artikel des Forschers Kalev Leetaru, den er vor kurzem auf der wissenschaftlichen Online-Plattform First Monday veröffentlicht hat.

Worum geht es darin?
Um die Zukunft, und wie wir sie vielleicht demnächst ein bisschen besser vorhersehen können.  

Das soll mit Hilfe einer sehr genauen Auswertung von Medienberichten geschehen. Wenn man einen extrem rechenstarken Computer mit Milliarden von Nachrichten füttert und ihn diese unwahrscheinlich große Textmenge nach bestimmten Kriterien analysieren lässt, kann der Computer eine Art Warnung abgeben, so die Annahme des Forschers. „Obacht“, könnte der Computer dann sagen, „in Libyen wird in den nächsten Wochen eine Revolution ausbrechen.“

Leetarus hat das sogar an mehreren Beispielen nachexerziert. Er hat ausprobiert, ob man die Ereignisse des arabischen Frühlings, den Irak- und den Balkankrieg hätte vorhersehen können, wenn man seinen Computer und sein System benutzt hätte. Die Antwort lautete: Ja, hätte man. Und die Suche nach Osama bin Laden wäre wahrscheinlich mit seiner Hilfe auch etwas schneller gegangen.

Der Computer steht an der University of Tennessee und trägt den Namen Nautilus. Er ist wohl das, was man als Supercomputer bezeichnen würde, mit etwa der 80-fachen Leistung eines Computers, wie er auf den meisten Schreibtischen steht. Die brauchte er auch für die Riesenmenge an Daten, die er durchforsten sollte: Über 100 Millionen Artikel waren es, zusammengestellt aus unterschiedlichen Quellen vom gesamten Archiv der New York Times seit 1945 bis zu Diensten wie BBC Monitoring, wo Nachrichten aus aller Welt gesammelt werden. Nautilus analysierte die Artikel hauptsächlich nach zwei Gesichtspunkten: Zum einen nach dem, was Leetaru den „tone“ der Nachrichten nennt: Die Bewertungen, Stimmungen und Gefühlslagen, die in Nachrichten transportiert werden, die er messbar machte, indem er bestimmte Wörter wie „schrecklich“ oder „schlimm“ zählt. Die zweite wichtige Komponente waren die Orte des Geschehens.

Im Fall der Revolution in Ägypten, die am 25. Januar begann, zeigte die Computeranalyse schon in den Wochen vorher, dass sich ein Aufstand zusammenbraute. Die Stimmung in Ägypten war auf einem Tiefpunkt angelangt, der in den vergangenen 30 Jahren nur zweimal annähernd erreicht wurde. Es war eine schwarze Nachrichtenwolke, die sich bedrohlich über Kairo zusammenbraute. Ähnlich verhielt es sich bei den anderen Ereignissen, die der Computer analysierte. Jedes Mal manifestierte sich eine negative Stimmungswolke, die schon vor den jeweiligen Ereignissen deutlich wahrnehmbar gewesen wäre, hätte man die Daten damals eingespeist.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Der Computer Nautilus berechnete die "Stimmungskurve" in der Berichterstattung über Ägypten (aus dem Internet, summary of World Broadcasts und der New York Times). Kurz vor Beginn der Revolution fallen die Linien rapide ab. Quelle: First Monday

Sogar den Aufenthaltsort von Osama bin Laden hätte der Computer im Voraus auf ein bestimmtes Gebiet eingrenzen können. Während die meisten den Al-Quaida-Führer noch in einem Versteck in Afghanistan vermuteten, hätte er sich durch die Auswertung geografischer Daten aus Medienberichten in Nordpakistan lokalisieren lassen. Den direkten Tipp Abbottabad hätte Nautilus zwar nicht ausgespuckt, aber immerhin einen Kreis von 200 Kilometer Durchmesser angegeben, in dem bin Laden am wahrscheinlichsten zu suchen gewesen wäre.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Visuelle Aufbereitung der Geodaten aus Nachrichten, die den Namen "bin Laden" enthielten. Quelle: First Monday
 
Nun ist das alles natürlich noch nicht das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Bisher hat Nautilus nicht viel mehr getan als seinen Computerzeigefinger keck nach oben zu strecken und zu rufen: „Ich hätt’s fei vorher gewusst!“ Er hat nur aus der Retrospektive geschlaumeiert und gezeigt, dass es möglich ist, nach Eintreten eines Ereignisses dessen Vorboten nachzuzeichnen. Den Beweis, dass es tatsächlich möglich ist, Revolutionen und Kriege vorherzusagen, bleibt Nautilus noch schuldig.

Aber auch daran arbeitet Kalev Leetaru bereits. Sein System könne relativ leicht so angepasst werden, dass es auch in Echtzeit funktioniert, sagte er der BBC. Die Suche nach Muammar Gadaffi könnte also etwas schneller beendet sein als die nach Osama bin Laden.

  • teilen
  • schließen