Der Praktikant ist die bessere Hausfrau

Sie erledigen ihre Arbeit still und ohne sich zu beklagen, sie bekommen kein Geld und ihr größtes Lob ist es, wenn der "Arbeitgeber" zufrieden ist: Praktikanten und Hausfrauen haben mehr gemein, als man meint.
christina-waechter

Angestrichen:
„Compliant, silent an mostly female, (...) interns have become the happy housewives of the working world.“

Wo steht das denn?
In Madeleine Schwartz' Artikel „Opportuinty Costs: The True Price of Internship“ in der politischen Vierteljahresschrift „Dissent Magazine“.  
Darin vergleicht sie die prekäre Situation der zahllosen Praktikanten mit der traditionellen Rolle der Hausfrau und Mutter. Beide erledigen offiziell keine „Arbeit“, beide werden meist höchstens mit Aufmerksamkeit belohnt und beide müssen nach außen eine Fassade der Dankbarkeit, des Enthusiasmus und der Unterwürfigkeit aufrecht erhalten. Hausfrauen arbeiten für das Wohlergehen ihrer Familie, Praktikanten arbeiten meist unbezahlt monatelang für so diffuse Ziele wie die Optimierung ihres Lebenslaufs oder, um ihr berufliches Netzwerk auszubauen.  

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Illustration: Julia Schubert



Was steckt dahinter?
Madeleine Schwartz zeigt, dass durch die Liberalisierung der Arbeitnehmerrechte in den 1970er Jahren und der Verschärfung der Bedingungen seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 die Zahl der unsicheren Arbeitsverhältnisse rapide gestiegen ist. Laut Schwartz ist diese Art der Arbeit traditionell assoziiert mit Frauen: Frauen arbeiten, wenn überhaupt, eher in Branchen mit unsicheren Bedingungen und schlechter Bezahlung. Wohingegen die traditionell mit Männern assoziierte Form zu arbeiten, nämlich gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze, in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation Auslaufmodelle zu sein scheinen. Und das Modell des Praktikanten, der unbezahlt die Arbeit derjenigen erledigt, die erst gestern entlassen worden sind, ist sozusagen die Spitze der Bewegung.

Wenn Praktikanten von offiziellen Ratgebern empfohlen wird, sie müssten vor allem enthusiastisch, anpassungsfähig, flexibel und dankbar sein, dann werden sie am Beginn ihrer Erwerbstätigkeit darauf trainiert, Arbeit als etwas zu betrachten, für das man nicht nur dankbar zu sein hat, sondern diese Dankbarkeit auch noch deutlich zeigen sollte.    

Madeleine Schwartz fordert, dass sich die Praktikanten ihrer prekären Situation bewusst werden und organisieren, um an der Situation etwas zu ändern. Und auch hier greift sie zurück auf das Beispiel der Hausfrauen in den 1960er und 1970er Jahren. Damals versuchten Feministinnen, den Hausfrauen zunächst bewusst zu machen, dass ihre Rolle im Haushalt nicht gottgegeben ist, sondern dass sie durchaus auch andere Rollenbilder für sich adaptieren können. Erst als die Frauen selbst verinnerlicht hatten, dass auch ihre Hausarbeit ganz normale Arbeit war, konnten sie daran gehen, neue Regeln und Modelle für sich zu finden, wie sie ihr Leben in Zukunft gestalten wollten.  

Schwartz fordert denselben Denkprozess von Praktikanten – übrigens sind in den USA drei von vier Praktikanten weiblich – sie sollen sich bewusst machen, dass auch ihre Arbeit einen Wert hat, der es verdient entlohnt zu werden. Dann, hofft Schwartz, könne das Problem der prekären Arbeitsmodelle auch gelöst werden. 


Text: christina-waechter - Foto: emoji / photocase.com

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