Die 75 feiern - und dann sterben

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Angestrichen:
„That’s how long I want to live: 75 years.“      

Wo steht das denn?
Auf der Website des „Atlantic“. Und zwar schon ein paar Wochen. Die Diskussion um den Artikel von Ezekiel J. Emanuel verläuft aber offenbar in Schüben, weshalb er immer wieder unter den meistgelesenen auftaucht.    

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Illustration: Julia Schubert


Ezekiel J. Emanuel wird ab seinem 75. Geburtstag jegliche medizinische Hilfe verwehren.

Worum geht es?
Emanuel ist Chef des „Clinical Bioethics Department“ am US National Institutes of Health und des „Department of Medical Ethics & Health Policy“ der Universität von Pennsylvania. Und es geht ihm tatsächlich zunächst mal nur um diese Zahl: 75 Lebensjahre. Und zwar nicht als Wunsch an Gott, ihm doch bitte wenigstens diese Lebenszeit zu gewähren, sondern als angepeilte Obergrenze. Emanuel möchte nicht älter als 75 werden, weil das statistisch gesehen das Alter ist, bis zu dem die meisten Menschen noch ohne chronische körperliche und geistige Beschwerden leben.  

Der heute 57-Jährige wird zu diesem Zeitpunkt (nach eigener Einschätzung) jedenfalls ein erfülltes Leben gelebt haben. Seine Kinder werden erwachsen sein. Die Enkel hat er auch noch mitbekommen. Und wie wichtig oder unwichtig sein Beitrag zu dieser Welt auch sein mag: mit 75 wird er ihn geleistet haben. Es sei dann keine Tragödie mehr, wenn er sterbe. Im Gegenteil. Dazu gleich mehr.  

Vorher muss man betonen, dass Emanuel niemanden von seinen Ansichten überzeugen will, sondern von einem subjektiven Lebensentwurf spricht. Wenn auch mit provokanter Absicht. Und, dass er ein entschiedener Gegner von Sterbehilfe ist. Er hat in vielen Artikeln klar Position gegen jede Form von unterstütztem Selbstmord bezogen. Begründung: Menschen, die nicht mehr leben wollen, litten in aller Regel nicht unter unablässigen Schmerzen, sondern unter Depressionen. Sie bräuchten keine Sterbe- sondern psychische Hilfe.  

Deshalb geht es Emanuel nicht darum, sein Leben mit 75 aktiv zu beenden. Er will nur nichts mehr tun, um es künstlich zu verlängern, was genauer bedeutet, dass er nur noch palliativen ärztlichen Behandlungen zustimmen wird. Keinen mehr also, die auf eine Heilung abzielen. Selbst einen Katalog liefert er: keine Krebsvorsorgeuntersuchungen oder -behandlungen mehr, keine Belastungstests, kein Herzschrittmacher oder Defibrillator. Keine Bypassoperationen, keine künstlichen Herzklappen. Überhaupt: keine Operationen. Nicht einmal mehr Antibiotika will er noch nehmen. Kurz: Er stimmt nichts mehr zu, was sein leben künstlich verlängern würde. „I will die when whatever comes first takes me.“  

Emanuel begründet seine Haltung mit vielen kleinen Argumenten, von denen einige, wenn nicht gar alle (dessen ist er sich auch bewusst), der Mehrheit als wenigstens etwas krude erscheinen werden. Sie berühren alle einen zentralen Satz:  

Der Tod sei zweifelsohne ein großer Verlust. Aber: „Living too long is also a loss.“ Wer zu lang lebe, der verliere nach und nach alles, was das bisherige Leben ausgemacht habe. „It renders many of us, if not disabled, then faltering and declining, a state that may not be worse than death but is nonetheless deprived.“ Zu lang zu leben sei also vielleicht nicht so schlimm wie der Tod, beraube uns aber trotzdem vielem: Man könne immer weniger beitragen zur Arbeit, der Gesellschaft, der Welt. Die Kreativität gehe rapide verloren, was Emanuel wieder mit Statistiken begründet, denen zufolge der durchschnittliche Physiknobelpreisträger die der Ehrung zugrundeliegende Entdeckung mit 48 gemacht hat. Komponisten würden im Mittel mit 26 ihr erstes wichtiges Werk schreiben und mit etwa 40 Jahren den Zenit erreichen. Die letzten bedeutenden Arbeiten brächten sie mit 52 zustande.  

Das alles führe dazu, dass wir unserem Umfeld (und unseren Familien) nicht mehr als umtriebige Macher sondern als kraftlose Tattergreise in Erinnerung bleiben, die in den letzten Jahren vor allem die Frage „Was hat sie gerade gesagt?“ stellen. Womit er, nicht sehr überzeugend, das Argument entkräften möchte, dass es ja auch lebenswert sei, im Alter statt Innovationen hervorzubringen eben drollig mit den Enkeln zu spielen.  

Und was lernen wir daraus?
Zunächst wirft der Text eine Frage auf, die sich sicher kontrovers diskutieren lässt: Was macht ein Leben lebenswert? Ist es tatsächlich der gesellschaftliche Beitrag, den zu leisten man noch imstande ist? Oder ist ein herrlich tattrig-fauler Lebensabend voll von Vogelbeobachtungen und ziellosen Spaziergängen nicht genauso viel wert?  

Mehr wirkt es aber, als wolle Emanuel mit einer reißerischen These eigentlich etwas anderes kritisieren: das, was er den „American immortal“ nennt. Der glaube nämlich quasireligiös an die „compression of morbidity“, also daran, dass wir, während wir die durchschnittliche Lebenserwartung erhöhen, auch die Zeit verlängern, in der wir frei von Krankheiten sind. Tatsächlich, hier beruft Emanuel sich diverse Untersuchung von Kollegen, sei das Gegenteil der Fall:  

Mit steigender Lebenserwartung erhöhe sich eben nicht die Anzahl der gesunden Jahre, sondern lediglich die, in denen wir unter körperlichem und geistigem Verfall litten: Wir hätten zwar das Leben verlängert, nicht aber das Altern hinausgezögert oder erträglicher gemacht: „Over the past 50 years, health care hasn’t slowed the aging process so much as it has slowed the dying process.“ Damit gelte: Die American immortals leben zwar länger als ihre Eltern, „but they are likely to be more incapacitated“.  

Woran Emanuel im Nachfassen noch zwei politische Forderungen knüpft: Er plädiert dafür, die Lebenserwartung nicht als Maßstab für die Qualität der Gesundheitsversorgung eines Landes heranzuziehen. Der Umstand, dass Menschen in einem Land lange leben, heiße nämlich noch lange nicht, dass sie das auch gesund tun. Und er fordert, statt stur an der Verlängerung des Lebens zu arbeiten, mehr Ressourcen in die Forschung zu Alzheimer und allen Beschwerden zu stecken, die mit dem Alter kommen. Und das ist, umständlicher Weg hin oder her, ja ein gewichtiger Punkt.

Text: jakob-biazza - Bild: photocase.com/Cattari-Pons

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