Die armen Millennials

Die Millennials in den USA stehen finanziell richtig schlecht da. Behaupten ausgerechnet die Baby Boomer. Die Millennials jedoch sagen: stimmt alles nicht. Ein Streit der Generationen.
magdalena-naporra

 

Angestrichen:
„And in the end, young adult incomes are basically right inside the range they've been in past decades. In other words, the story isn’t about decline, but about stagnation.“  

Wo steht das?
In dem Artikel „Millenials aren’t quite as poor as you think“ von Jordan Weissman im Slate Magazine. Weissmann möchte darin richtig stellen, dass es den Millenials, also den Jahrgängen 1977-1998, wirtschaftlich nicht viel schlechter geht, als den Generationen davor.

Was genau steht da?
Weissmann bezieht sich seinerseits auf einen Kommentar von Investor Steven Rattnor in der New York Times. Rattnor konstatiert die wirtschaftliche Schwäche der 18- bis 35-jährigen Amerikanern. Diese hätten nämlich von 2009 bis 2013 jährlich nur ein Gehalt von durchschnittlich 33.883 Dollar bekommen. Das sei 9,3Prozent weniger als in den Vorjahren und der Tiefstwert seit 1980. Um den armen Millenials unter die Arme zu greifen, schlägt Rattnor vor, die wohlhabenden Baby-Boomer mehr Steuern zahlen zu lassen. Für reiche Amerikaner könnte man, so Rattnor, außerdem Sozialleistungen kürzen.  

Bitte nicht, schreibt Weissmann. Alles halb so wild, die neuen Steuern und Reformen gar nicht nötig, die Millenial-Armut sei nur ein weitverbreitetes Missverständnis. Das rührte mitunter daher, dass 18-24 Jährige mit in die Studie aufgenommen würden, aber die hätten ihr Leben ja noch nicht wirklich im Griff. Die Altersgruppe der 25- bis 35-Jährigen sei in der Regel allerdings schon in der Arbeitswelt etablierter und sollte deshalb getrennt untersucht werden. Weissmann stellt zudem fest, dass die Gehälter der Frauen dabei kräftig aufgeholt haben.  Über 40,5 Prozent verdienen die 25-34 Jährigen jetzt mehr als noch 1980. Das durchschnittliche Einkommen lag damals unter 20.000 Dollar jährlich, nähert sich aber mit beinahe 30.000 Dollar jetzt allmählich dem der Männer an. Der Mittelwert aus Gehältern von Männern und Frauen, genau wie übrigens das Einkommen junger Haushalte, ist deshalb heute in etwa so hoch wie schon 1995.   Weil Männer und Frauen also im Durchschnitt nicht weniger verdienen, steht es gar nicht so schlimm um die Millenials sagt Weissmann. Sie müssten zwar wegen der hohen Miet- und Kaufpreisen für Immobilien bei ihren Eltern wohnen bleiben, länger ihre Studienkredite abbezahlen, bekämen auch etliche Jahre nach Vollendung ihrer Ausbildung keine Arbeit, länger als alle Generationen seit dem Zweiten Weltkrieg vor ihnen, aber abgesehen davon: kein Grund zur Panik.  

Und was lernen wir daraus?
Wie schlecht es um die Millenials steht, ist wohl Ansichtssache. Weissmann hängt sich an einer Prozentzahl auf, die ihm in Rattnors Text nicht differenziert genug ist. Wenn man genau hinsieht, sind die Statistiken, die Weissmann als Gegenbeispiel anbietet, aber keineswegs besser. Sicher, die jungen Amerikaner werden nicht gleich verhungern, anderswo ist die Armut lebensbedrohlich. Doch stagnierendes Einkommen ist auch nicht gerade lustig, wenn alles andere viel teurer wird.   Den Vorschlag von Rattnor nach Steuerreformen zu Lasten der Baby-Boomer rigoros abzulehnen, wie Weissmann es tut, könnte man noch mal überdenken. Die US-Wirtschaft braucht gut ausgebildete Akademiker und vor allem Akademikerinnen. Wenn man sich aber hoch verschulden muss, um einen anständigen Abschluss zu bekommen, rechnet sich die Ausbildung nicht. Die nächsten Generationen könnten den Universitäten fernbleiben, den USA würden gut ausgebildete Fachkräfte fehlen.

Text: magdalena-naporra - photocase.de/JoeEsco