Die Leiden des jungen V.

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Cover: Diogenes Verlag angestrichen: Wir wollen das Leben Vincents heimlich manipulieren und ihn leiden lassen, damit es ihm nie an Inspiration fehlt, um große Kunst zu schaffen. Eines unserer wichtigsten Anliegen bestünde darin, dafür zu sorgen, dass er immer einsam bleibt. Einsamkeit ist für Vincents Leben unerlässlich, nicht nur weil sie weh tut, sondern auch weil sie die nötige Zeit und das Umfeld für den kreativen Prozess schafft. Wo steht das denn? In „Vincent“ von Joey Goebel. Vincent kommt aus dem White Trash - Umfeld der amerikanischen Provinz, mit saufender, drogenabhängiger Mutter Veronika und verwahrlosten Geschwistern. Die Väter wechseln. Nirgends scheint große Kunst weiter entfernt zu sein als hier, und doch wird Vincent als Supertalent gehandelt, als genialischer Retter der versauten, amerikanischen Mainstreamkultur. Entdeckt hat ihn die verdeckt arbeitende Künstleragentur New Renaissance. Deren Gründer, der Medientycoon Foster Lipowitz, will im Alter und kurz bevor der Krebs seine Organe aufgefressen hat, noch einmal etwas Gutes tun. New Renaissance bildet junge Künstler zu den besten Autoren, Musikern, usw. aus. Die Drehbücher oder die Popmusik, die dort entstehen, sollen dann den Popmarkt unterwandern und ihn verbessern. Das Ziel ist die Veränderung des öffentlichen Geschmacks durch anspruchsvolle Unterhaltung, die trotzdem Spaß macht. Vincent gilt unter allen Schülern von New Renaissance als der talentierteste. Das besiegelt sein Schicksal. Die Agenturführung ist überzeugt, dass nur ein leidender Künstler dauerhaft große Kunst schaffen kann. Vincent darf deswegen nie glücklich sein. Für das Experiment wird der ehemalige Musikkritiker Harlan Eiffler als Manager engagiert. Er manipuliert Vincents Leben durch von ihm organisierte Schicksalsschläge. Er vergiftet den Hund des kleinen Vincent, er besticht die erste Freundin des pubertierenden Vincent, damit sie ihn verlässt, er versorgt den alkoholkranken, erwachsenen Vincent mit Alkohol. Der dankt es Harlan und New Renaissance mit den besten Songs, den komplexesten Drehbüchern, und den schlauesten Serienkonzepten. Vincent wirkt beinahe wie eine Christusfigur, die leidet, um die darbende Popkultur zu erlösen. „Ja, das habe ich mir auch schon gedacht. Meine Figuren haben immer etwas Christliches. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich jahrelang auf eine christliche Schule gegangen bin“, sagt der 25 – jährige Autor Joey Goebel. „Deswegen ist aber Vincents Mutter Veronika noch lange keine abgefuckte Maria. Veronika ist viel mehr die Verkörperung des gescheiterten amerikanischen Traums. Sie ist von außen wunderschön, glitzernd, und innen böse, im Grunde eine Hure.“ Der aus Kentucky stammende, Ex Punkrock – Sänger Goebel zerschneidet in seinem Roman die Fassade der amerikanischen Kulturmaschinerie und zeigt ihren faulen Kern. Die Industrie ist skrupellos und Gewinn - besessen , die Promis stupide und sexsüchtig. Sie sind es auch die von Vincents Werken profitieren. Stars wie Kristina Gomez, eine Mischung aus Aguilera und Lopez oder Chad, ein versiffter Schönling mit Samendrang, übernehmen die Performance und haben auf einmal gute Songs. Die Plattenbosse verdienen super an ihnen. Wer hinter dem frischen Sound steht, weiß niemand, und es interessiert auch keinen. „Ich träume davon, das Radio anzumachen, und eine halbe Stunde durchgehend gute Musik zu hören oder in einen Mainstream – Film zu gehen, der mich wirklich anspruchsvoll unterhält.“ Die dumpfe, mediale Dauerberieselung geht Joey Goebel gehörig auf die Nerven. Er ist ein zurückgezogener Nörgler, der seine Wohnung selten verlässt, selbst DVDs leiht er übers Netz aus. Joey mag Menschen nicht besonders gerne, „denn eigentlich ist der Großteil ziemlich debil und hinterhältig.“ Die meisten seiner Romanfiguren entsprechen diesem Menschenbild. Das Buch ist eine bissige Satire auf die amerikanische Gesellschaft und auf die sie bestimmende Kultur, es ist wahnsinnig komisch und zugleich tieftraurig. Ein Plädoyer für die Kunst und wer hätte es gedacht am Ende für die Liebe. Eine pathetische Rebellion gegen die Verarschung von Millionen in einer zynischen Welt. Steht im Bücherregal zwischen: Kafkas „Hungerkünstler“ und der Bibel. „Vincent“ von Joey Goebel, 431 Seiten, 19 Euro 90. Erschienen im Diogenes Verlag.

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