Die letzten acht Tage im Leben des Nasser Ali Khan

Angestrichen: Um zu leben, genügt es nicht, am Leben zu sein.
roland-schulz
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Illustration: Julia Schubert

Angestrichen: Um zu leben, genügt es nicht, am Leben zu sein. Wo steht das denn? In der Schilderung der letzten acht Tage im Leben von Nasser Ali Khan, dem Tar-Spieler, dem legendären. Der Tar, das ist die traditionelle Laute aus dem Iran, die nur die Besten und die Derwische zu spielen verstehen. Nasser Ali Khan spielt Tar wie ein Gott, wie eins mit seinem Instrument, einem Tar, der einst einem Meister der Derwische gehörte. Nasser Ali Khan ist der Beste unter den Tar-Spielern. Bis zu jenem Tag, an dem seine Frau, nach schlimmem Streit, seinen geliebten Tar zerbricht. Nasser Ali Khan versucht verzweifelt, ein neues Instrument zu finden, er spielt nasse Tars und trockene, fährt gar nach Mashad, um eine der legendären Lauten von dort zu kaufen. Er findet einen Tar, der ihm zusagt. Er bringt ihn heim. Am 15. November 1958 geht Ali Nasser Kahn zum Friseur, dann zum Barbier, er legt seinen besten Anzug an, raucht eine Zigarette und dann, dann spielt er. Es ist schlimm. „Da ihm kein einziger Tar Freude am Spielen verschaffen konnte“, schreibt Marjane Satrapi, „beschloss Nasser Ali Khan zu sterben.“ Acht Tage später ist Nasser Ali Khan tot. Diese acht Tage beschreibt Marjane Satrapi in ihrem schönen, stillen Comic „Huhn mit Pflaumen“, der das Ende ihres Großonkels Nasser Ali Khan mit der Geschichte ihrer Familie, den Legenden des Iran, mit Märchen und Träumen verbindet. Ihre Familie im Iran ist das große Thema der Zeichnerin Marjane Satrapi, die zuletzt mit ihrem Comic Persepolis große Erfolge feierte. Damals erzählte sie ihre Kindheit und Jugend in Iran, zu Zeiten der Revolution gegen den Schah und danach, in klaren, einfachen, immer in Schwarz und Weiß gehaltenen Bildern. Es war eine großartige, gar nicht einfache Geschichte, mit der Satrapi zeigte, was Comics können, wenn sie gut sind – eine Geschichte dreidimensional erzählen, in Worten, in Bildern und dazu in jener magischen Ebene, die entsteht, wenn Wort und Bild eins werden. Jetzt, in „Huhn mit Pflaumen“, beschäftigt sich Satrapi wieder mit ihrer Familie: Anhand von Ali Nasser Kahn, der sich zum Sterben nieder legt, erzählt Marjane Satrapi die Vergangenheit und die Zukunft ihrer Familie – von der Mutter Nasser Alis, der Mystikerin, deren Seele im Tod in Rauch aufgeht, bis zu Mozaffar, dem Sohn Nassers, der viel Jahre nach dem Tod seines Vaters im fernen amerikanischen Exil seine verfettete Tochter ins Krankenhaus fahren muss. Satrapi springt vor und zurück in der Zeit, verknüpft Nassers Leben und Sterben mit den Legenden ihrer Heimat und entspinnt so ein wunderbar wahres Märchen aus dem Iran. Am Ende kommt Azrael, der Engel des Todes, zu Nasser Ali, der so sehr zu sterben wünscht. „Na los, machen Sie!“, sagt Nasser, „ich kann nicht länger warten.“ – „Sie sind noch nicht dran“, sagt Azrael. „Ich bin noch nicht dran?“ – „Nein, noch nicht.“ – „Wozu sind sie dann hier? – „Um Sie kennen zu lernen“, sagt Azrael, „Seit fast einer Woche rufen Sie mich an, von Früh bis Spät. (…) Keine Sorge. Es dauert nicht mehr lang.“ Steht im Bücherregal zwischen: „Persepolis“, Marjane Satrapis erstem Comic, und „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez.

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