Die Nacht des Jahres

Physiker haben sich dem Phänomen der mobilen Party-Suche angenommen. Davon kann man für die Silvesternacht eine Menge lernen.
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Illustration: Julia Schubert

Auf der Suche nach dem Besonderen: Hier in der Silvesternacht 2004/05 vor der Siegessäule in Berlin. Fotos: ddp/AP ... plötzlich saßen alle 100 Leute auf einer einzigen „In-Party“, während neun der virtuellen Gastgeber nur noch vor den zurückgelassenen Kanapees darüber grübeln konnten, womit sie das nur verdient hätten ... Wo steht das? In einem Forschungsbericht der Physiker Steffen Trimper und Marian Brandau von der Universität Halle. Auf einigen Partys in ihrem Bekanntenkreis blieben die Gäste aus oder machten sich bald auf den Weg zur nächsten Feier. Also wollten Trimper und Brandau erforschen, wie sich die Verbreitung des Handys auf das Ausgehverhalten auswirkt. Ihre These: Der mobil kommunizierende Mensch ist ständig auf der Suche nach der besten Party. Viele Gastgeber bleiben frustriert auf ihren Buletten sitzen, weil die Gäste ausbleiben. Dazu schrieben die beiden ein Computerprogramm, um anhand der „Theorie der sozialen Netzwerke“ und dem „Verhalten von schlagartig schmelzenden Eis“ zu untersuchen, wie sich der Partygeher von heute von seinem Handy lenken lässt. Nun könnte man als böse Zunge behaupten, dass Physiker zwar tolle Computerprogramme schreiben können, aber nicht so recht viel vom Feiern verstehen. Und es nicht am Handy, sondern ihren mangelnden Gastgeber- Qualitäten liegt, dass Gäste ausbleiben oder gleich wieder gehen. Doch es ist schon etwas dran an der These, dass das Handy unsere Abendgestaltung verändert hat. Zwar kann nur ein Physiker auf die Idee kommen, das Bestreben, die beste Party zu finden, ein „ausreichendes Maß Snobismus“ zu nennen. Aber am Silvester-Abend wird wieder deutlich werden, wie kompliziert das Ausgehleben ist. Wenn zum zehnten Mal eine SMS à la „Auch keine Ahnung, wo ich hingehe! Sag Bescheid, wenn du was weißt!“ auf dem Display aufblinkt, ist klar: es ist Silvester. Man könnte zu Theo in die Bar, aber wer weiß, ob es da nicht langweilig ist. Vielleicht in den Club, aber na ja, die Nacht der Nächte, wenn heute der Sound schlecht ist, hat man diesen Jahreswechsel genau so verschenkt wie den letzten. Besser zu Lotte auf die WG-Party? Schwierig, schwierig. Man kann aber auch einfach mal losziehen, immer schön mit den anderen in Kontakt bleiben, und auf eine Party-göttliche Eingebung übers Handy warten. Klappt aber meistens nicht, das Ergebnis ist, dass die Hauptbeschäftigungen der Silvesternacht der Kampf um die wenigen Taxis und das SMS-Tippen waren. Klar, man hätte auch vor einem Monat Physiker-Paul eine Zusage für sein langweiliges Raclette-Essen in seiner neuen Eigentumswohnung geben können, dann hätte man die Sorgen nicht. In einem Funkloch zu feiern, wäre für Marian Brandau und Steffen Trimper das beste Rezept für eine gelungene Party. So können die Gäste gar nicht vom Handy verführt werden, von Fest zu Fest zu tingeln. Das scheinen sich die deutschen Netzbetreiber zu Herzen genommen haben. Sie werden uns heute zwischen elf und ein Uhr nachts mit dem größten Funkloch des Jahres beglücken. Wegen Überlastung brechen die Netze traditionell zusammen. Vielleicht wird es also doch noch eine gute Nacht.

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