die taschen voll wasser

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susanne-klingner

www.mairisch.de angestrichen: Das Schöne am Schreiben ist, neue Dinge kennen zu lernen und nicht nur in meinem eigenen Brei zu leben. Wer sagt das denn? Finn-Ole Heinrich hat gerade sein erste Buch veröffentlicht. In "die taschen voll wasser" erzählt er in neun Geschichten vom wahren Leben und dem Wahnsinn dahinter. Wir haben mit dem 23-jährigen Autor über sein Buch gesprochen. Deine Geschichten drehen ins Absurde ab: Ein Mädchen will das Leben ihrer Mitbewohnerin übernehmen, ein Sohn tut so, als sei seine Mutter nicht gestorben, ein Weihnachtsmann onaniert auf dem Kaufhausklo. Mich faszinieren Krankheitsbilder und der übersteigerte alltägliche Wahnsinn. Die Texte spiegeln Missstände wider, verdichten gesellschaftliche Probleme und Fehlentwicklungen. Ich beschreibe Handlungen, die aber über sich hinausweisen und den Leser einnehmen. Vielleicht begleiten sie ihn noch eine Weile. Sehr realistisch ist deine Geschichte "Schwarze Schafe": Drei Jungs leben in Katowice davon, Kohlen von Zügen zu klauen und zu verkaufen. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass es in der Region um Katowice, einer der größten Kohleförderregionen der Welt, eine gängige Beschäftigung ist, um der Arbeitslosigkeit und der mit ihr verbundenen Armut zu entkommen. Zu dieser Zeit hatte ich das Thema Freundschaft im Kopf und suchte nach einem Rahmen, in dem ich das Thema für mich erzählbar machen kann. Und dann las ich von diesen Kohlejungen und dachte mir: Wie funktioniert wohl eine Freundschaft unter diesen Bedingungen - Armut, soziale Isolation, Kälte, Drogen? Deine Geschichten kommen also, so verdreht die Figuren in ihnen sind, aus dem wahren Leben? Das ist unterschiedlich. Manchmal entstehen sie auch einfach in meinem Kopf, aber meistens sehe oder lese ich etwas, das mich anzündet und dann suche ich in diese Richtung weiter. Es braucht nur einen kleinen Funken und ich denke: 'Oh, das könnte was werden!' Dann füge ich alles, was ich sehe und erlebe in diesen Zusammenhang ein und stricke mir eine Geschichte. An "Schwarze Schafe" habe ich drei Monate gearbeitet, habe im Internet recherchiert, in der Bibliothek gelesen und Polen getroffen, die mir vom Leben in ihrem Land erzählt haben. In Themengebiete, von denen ich eigentlich keine Ahnung habe, muss ich mich eben einarbeiten. Ich habe solche Kohlenjungs nicht kennen gelernt. Aber das finde ich auch schön am Schreiben: Dass ich neue Dinge kennen lerne und nicht nur in meinem eigenen Brei lebe. Eigentlich bist du aber Filmemacher. Ich studiere Film in Hannover, ja. Aber im Vergleich zum Schreiben empfinde ich das Filmemachen als Arbeit, die viel mehr Höhen und Tiefen hat. Das Medium ist viel aufwändiger, ich muss mich an den Schreibtisch setzen, mir eine Geschichte ausdenken, mir in der Realität Orte und Menschen suchen und diese dann so gestalten, dass sie der Idee nahe kommen. Weil alles Low Budget ist, geht vieles nicht und ich muss immer wieder Kompromisse machen, die weh tun und mich immer weiter von der eigentlichen Idee entfernen. Später, bei der Präsentation, habe ich dann immer das Bedürfnis, auf die Umstände der Produktion hinzuweisen. So, als müsste ich mich rechtfertigen. Und eigentlich rechtfertige ich mich vor mir selber. Das ist der eigentliche Tiefpunkt: Monatelang hart zu arbeiten und nicht stolz zu sein, sondern sich rechtfertigen zu wollen. Hast du das Gefühl, dass deine Texte da eher beim Publikum so ankommen, wie du sie gemeint hast? Die Texte wirken unmittelbarer. Da sehe ich keine Diskrepanz zwischen Idee und Produkt. Vor allem aber bleibt sie gestaltbar: ich kann mich an den Schreibtisch setzen und die Geschichte so lange bearbeiten, bis ich sie zeigen mag. Das funktioniert beim Film so leider nicht. Idee und Produkt haben da - zumindest bei meinem derzeitigen Stand - immer nur bedingt miteinander zu tun. Welche Reaktionen bekommst du vom Publikum, wenn du deine Texte vorliest? Einmal hatte ich "Mutters Hund" vorgelesen. Das ist die Geschichte von dem jungen Mann, der einfach ignoriert, dass seine Mutter tot ist, sie auf ihren Küchenstuhl setzt und zur Hausarbeit ermahnt, der am Ende des Tages Mutters Dackel Toto erschlägt, weil der ihm nicht gehorchen will. Dann kam ein Gast zu mir fragte: "Bist du so drauf?" So etwas passiert auch. Und: Bist du so drauf? Nein, ich habe im Gegenteil eine große Distanz zu meinen Geschichten. Oft höre ich, dass sie sehr nah wirken. Es ist eher so: Wenn mir eine Geschichte zu persönlich erscheint, veröffentliche ich sie nicht. Das wäre, als würde ich mein Tagebuch weggeben. Aber irgendeinen Tick hat ja doch jeder. Mein Tick oder persönlicher Wahnsinn ist wohl das Schreiben selbst.

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