Die Umsonstarbeiter

Es gibt immer mehr Kreativwirtschaftler, die sich kostenlos selbst ausbeuten. Damit ruinieren sie nicht nur die Preise, sondern auch ihr Leben.
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[b]Angestrichen[/b] Mittlerweile haben wir ein Millionenheer von Enthusiasten, von sieben bis 77 – wie die Zielgruppe der Ravensburger Gesellschaftsspiele –, die nicht wissen, welcher gesellschaftlichen Gruppe sie angehören, für die es keine parteipolitischen Programme gibt. Diese Gruppe wächst an, und man hofft, dass sie selbst nicht erkennt, wie groß sie ist. Dass sie sich selbst weiter ausbeutet unter dem Schirm von Events, Kongressen, Partys und so weiter. [...] Jedermann ist Journalist geworden, jedermann ist auch Webdesigner. Das home office ist das perfekte Bild der Gegenwart. Man kreiert seine eigene Pornografie, seine eigene Kunst, sein eigenes Web, man designt sein eigenes Haus, aber niemand verdient etwas. Es geht um Überlebensstrategien, die geknüpft sind an Virtuositätskonzepte. Lauter verarmte Intellektuelle.

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Illustration: Julia Schubert

[b]Wo steht das denn?[/b] „Das Künstlerprekariat sitzt in der Falle“, sagt Chris Dercon, scheidender Direktor des Münchener Haus der Kunst in der aktuellen „Monopol“. Das ganze Gerede von Creative Industries hält er für einen Vorwand, um unentgeldliche Arbeit salonfähig zu machen. Das Phänomen ist bekannt, spätestens seitdem die Zitty den Begriff "Urbaner Penner" aus der Taufe hob. Doch obwohl die wirtschaftlichen Aussichten schlecht sind, sagt Dercon, würde eine große Gruppe ihre Dienste häufig kostenlos anbieten, in der Hoffnung, eines Tages eines Anstellung zu bekommen. Eine Ursache dafür ist die vollständige Demokratisierung des Traums von Selbstverwirklichung. Über Social Media und das Web 2.0 hat jeder halbwegs begabte Kreative die Möglichkeit, seine Produkte zu verbreiten. Die nötige Hardware, Laptop und Digitalkamera, besitzt inzwischen beinahe jeder Student. Die Folge ist eine Umsonstmentalität im Netz, die hervorragend mit dem Ruf Berlins als künstlerisches Experimentierfeld zusammenspielt. Die Botschaft lautet: Ziehe in die Hauptstadt, lass dich inspirieren, such dir ein kreatives Projekt nach dem nächsten und warte dabei auf deine finale Entdeckung. Bis es soweit ist, musst du deine Arbeit verschenken. Dafür kannst du hier billig wohnen. Sascha Lobo und Holm Friebe, die Vertreter der Digitalen Bohème, haben das Freiheitspotential der neuen Produktions- und Organisationsformen noch bejubelt. Das Ziel einer Anstellung lehnten sie gleich ganz ab und favorisierten statt dessen ein Leben von Projekt zu Projekt. Netzwerke sollten feste Strukturen ersetzen und dem Kreativarbeiter Freiraum für seine Ideen verschaffen. Der französische Soziologe Luc Boltanski stellt dazu nüchtern fest, dass hier nur ein neues System von Zwängen das vorherige ablöst. Wer altmodischen Ideen anhängt, in sich gekehrt ist und nicht bereit ist, ständig Bindungen und Wohnorte zu wechseln, hat ein Problem in der Netzwerkwelt. Müssen nun die Träume von der Arbeit in Kreativberufen beerdigt werden? Dercons Forderung ist einfacher: Die Kulturschaffenden sollen endlich lernen Nein zu sagen, zu kostenlosen Filmen, Webseiten und Texten und sich nicht ständig für alles zur Verfügung stellen. Gutes Handwerk hat eben seinen Preis.

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