Die urbanen Penner von Brooklyn treffen sich in Laptopistan

In Brooklyn gibt es ein Café, in dem die Gäste still wie in einer Kirche an ihren Computern arbeiten - eine Zeitung hat dem Ort den Namen "Laptopistan" gegeben.
peter-wagner

Angestrichen
Most Laptopistanis - Laptopistanites? Laptopistanians? - at Atlas are in their 20s, 30s or early 40s, split evenly between men and women. The dress is casual, with both sexes wearing T-shirts, sweaters and jeans, though a few women seem dressed for work with button-down blouses, blazers, even a dress or two. Most Laptopistanis work alone, though occasionally I spotted a group collaborating at a corner table. Socially, Laptopistan is a conservative society; outward displays of emotion are frowned upon. Most people hide behind their screens.
Wo steht das?
Naja, mal wieder in einem interessanten Artikel in der New York Times.

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Illustration: Julia Schubert

Worum geht es?
In Brooklyn gibt es das Café Atlas. Dort drin gibt es kaum Tische, auf denen nicht ein Laptop steht. David Sax, Autor der New York Times, betritt den Ort mit gewisser Verwunderung und man kann das verstehen. Laptops in Cafés sind keine neue Ansicht. Aber wenn wirklich fast jeder Platz an den Tischen mit Computern besetzt ist und wenn sich alle, die dort an ihren Geräten arbeiten auch noch bibliotheksstill verhalten, dann ist das mindestens ein bisschen komisch. Sax beschreibt den Ort, als erkunde er ihn wie einst Alexander von Humboldt die unbekannten Ecken Südamerikas. Er gibt ihm den Namen Laptopistan. Das wirkt zunächst gekünstelt. Mit solchen Wortschöpfungen soll einer Entwicklung immer hopplahopp ein Stempel aufgedrückt werden. Aber in dem Fall stimmt es irgendwie. Sax hört genau hin und schaut gut zu. Er bemerkt, dass sich die Einwohner von Laptopistan mit wenigen Blicken verständigen und gegenseitig darum bitten, ein Auge auf den eigenen Computer zu werfen, wenn einer zum Beispiel aufs Klo muss. Ein Einwohner erzählt, wie man sich im Café bei der Diskussion um die Steckdosen näher komme und wie aus Tischkameraden so auch manchmal Partner werden. Und noch etwas erfährt man in Sax' Erkundung: Im Atlas wird richtig gearbeitet und nicht nur auf Facebook gedaddelt. Eine Politikwissenschaftlerin schraubt an ihrer Doktorarbeit, ein Personalmanager bereitet Präsentationen vor, Sax trifft Architekten, Filmemacher und App-Programmierer oder Choreografen an ihren Apple-Computern (nur wenige tippen in andere Fabrikate). Alle arbeiten. Konzentriert. Die Einwohner von Laptopistan kontern mit ihrem Verhalten die große Furcht, nach der das Internet und Mails und Facebook und das ganze restliche Online-Gezoppel unser Leben in einzelne Teile splittet. Sie widerlegen die These, nach der man im Immer-Online-Zeitalter vor lauter Diddeln und Daddeln nicht mehr ordentlich arbeiten könne. Schaut man ins Café Atlas und in David Sax' Argumentation, die er entlang seines eigenen Arbeitsverhaltens entfaltet, fällt auf, dass Konzentrationsfähigkeit nicht unbedingt mit dem Zugang zu möglichen Ablenkungen zu tun haben muss. Es geht beim Konzentrierenkönnen vielleicht eher um die Arbeitsatmosphäre. Wer alleine zu Hause vor sich hin ackert, wird vielleicht weniger voran bringen als jeder der Besucher im Café Atlas, lernt Sax. Mit dieser Erkenntnis ist nun nicht soviel Neues gesagt. Die Coworking-Bewegung zum Beispiel macht nichts anderes als die einsamen Laptoparbeiter wieder zusammen zu bringen. Aber während hinter Coworking planende und koordinierende Gehirne stecken, finden sich die urbanen Penner in Laptopistan wie von Geisterhand zu einer Ad Hoc-Bibliotheksstimmung zusammen. In aller Stille suchen und erzeugen sie die Arbeitsatmosphäre, die sie brauchen, um produktiv zu sein. Einer der Computerarbeiter sagt: "... the fact that people are watching me do my work helps me be what they expect me to be." Und das ist schon ein bemerkenswerter Gedanke: dass wir erst unter den Augen anderer zu dem werden, der wir sein möchten.

Text: peter-wagner - Screenshot: nyt.com/Piotr Redlinski

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