Dinge geregelt kriegen - mit sehr viel Selbstdisziplin

Die Agenten der Zentralen Intelligenz Sascha Lobo und Kathrin Passig geben selbstironisch Tipps, wie man Aufschieberitis bekämpft. Aber Achtung: Alles Koketterie!
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Angestrichen: 2. Auf Bahngleisen sitzen oder liegen. Rechtzeitig aufstehen, bevor der Zug kommt. Diese Übung vermittelt ein Gefühl für das Tempo, in dem die Deadline herannaht, auch wenn vorher lange Zeit gar nichts passiert ist. Wo steht das denn? Auf prokrastination.com, dem Blog zum Buch „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“. Bei der Empfehlung handelt es sich um eine von sechs Übungen aus dem Buch, mithilfe derer sich die eigene Faulheit wegtherapieren lässt. Die Autoren sind Kathrin Passig und Sascha Lobo, Protagonisten der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA). Das Buch wurde eigenen Angaben nach „aus Notwehr“ geschrieben und erscheint am 6. Oktober. Oder später.

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Illustration: Julia Schubert

In dem Buch geht es um Prokrastination beziehungsweise Aufschieberitis, die Modekrankheit des urbanen Penners, der nicht nach der Stechuhr arbeitet und nicht nach Stunden bezahlt wird. Deshalb schläft er bis zwölf und schaut den halben Nachmittag lustige Youtube-Videos. Aber dann wird's eng! Gerade noch so kann er der Guillotine des Auftraggebers entkommen, powert sich all seine Batterien leer, kurz vor knapp, aber immerhin: geschafft. Puh. Ähnliches lässt sich ja regelmäßig in Klausurphasen an Universitäten beobachten. Eine Spezies von Studenten trifft immer schon eine halbe Stunde zu früh vor dem Prüfungssaal ein. Diese halbe Stunde verbringen sie mit Gruppenbildung im Angesicht des Todes. Man hört den aufgekratzten Haufen schon aus weiter Entfernung etwa diese Dialoge plärren: „Oh Gott, ich habe erst gestern Abend mit dem Lernen angefangen.“ „Daheim krieg ich voll nichts gebacken - ich sag nur zwei Wörter: Kühlschrank und Fernseher!“ „Was du heute kannst besorgen, verschiebe lieber auf morgen.“ Kicherkicher. Nach der Prüfung dasselbe Bild und derselbe aufgekratzte Haufen: „Den zweiten Teil der dritten Aufgabe hab ich total verbockt!“ „Scheisse, es ist immer das Gleiche mit mir. War aber klar, so wenig wie ich gemacht habe.“ In der letzten Ausgabe der ZEIT Campus hat Kathrin Passig unter der Überschrift "Aufschieben ist auch arbeiten" darüber geschrieben, dass Sascha Lobo eine "faule Sau" sei und sie darum eigentlich nie mit ihm zusammen arbeiten wollte. Und sie schrieb darüber, wie sie nun doch mit ihm ein Buch schreibt, das sich unter anderem um die Tatsache dreht, dass sie das Buchschreiben nur mit vielen Tritten in den eigenen Arsch hinkriegen. Das ist sehr charmant. Aber nicht ganz glaubwürdig. Die „Agenten“ der ZIA stecken hinter Powerpoint-Karaoke und Topcheckerbunny, sie organisieren mehrtägige Festival-Camps, sie schreiben das Blog Riesenmaschine, eine Kolumne in der Berliner Zeitung und Bestseller-Bücher, in denen Kaffee trinken zu Beschäftigung umdefiniert wird. All dieses Nachdenken und Reden über Nicht-Arbeit macht also letztendlich was? Sehr viel Arbeit natürlich. Auch wenn diese darin besteht, mit der eigenen Megaverplantheit zu kokettieren und Kapital aus eigenem Schusseltum zu schlagen. Prokrastination, so die Argumentation von Passig und Lobo, sei eine tolle Sache, weil man in der Zwischenzeit, in der man sich vor etwas Wichtigem drückt, eine Reihe anderer wichtiger Dinge erledigt. Das stimmt nicht. Das ist nicht Prokrastination. Wer sich fünf Monate nach seinem Umzug noch nicht umgemeldet hat, geht doch nicht deshalb lieber zum Zahnarzt. Sinnvolle Ersatzhandlungen vollziehen nur Menschen, die nicht nichts machen können. Solche Menschen sind keine faulen Säue, solche Menschen setzen keine Prüfungen in den Sand. Die, die wirklich klinisch vor sich hinprokrastinieren, kriegen nämlich gar nichts hin. Diese Leute schweigen nach einer missratenen Klausur und flüchten. An einen Ort, wo sie die jammernden Stimmen des Haufens nicht mehr hören müssen.

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