Dürfen darf man alles

Angestrichen: Salzflecke werden gereinigt, indem man Rotwein darüber gießt.
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Illustration: Julia Schubert

Angestrichen: Salzflecke werden gereinigt, indem man Rotwein darüber gießt. Wo steht das denn? In dem kleinen grauen, etwa handgroßen dtv-Band „Dürfen darf man alles. Lebensweisheiten“. Dieser versammelt Zitate, Sprüche und Schnipsel des Schriftstellers und Journalisten Kurt Tucholsky – ausgewählt von Günter Stolzenberger. „Dürfen darf man alles – man muß es nur können.“ Kurt Tucholsky durfte nicht. Für seine bissigen Kommentare gegen Reichswehr, verlogene Politiker von rechts und links, gierige Wirtschaftsbosse und nicht zuletzt gegen NS-Größen wurde er mehrfach angeklagt und 1933 – obwohl er schon zwei Jahre so gut wie nichts mehr publizierte und im schwedischen Exil lebte – vom Hitler-Regime ausgebürgert. Tucholsky hasste „Deutschland“ und liebte Deutschland. Er wurde 1890 geboren, war produktiver Journalist, Satiriker, Essayist, Literatur- und Theaterkritiker, Chansonnier, Erzähler, Schriftsteller und unermüdlicher Brief- und Tagebuchschreiber. 1935 nahm sich Kurt Tucholsky das Leben. Heute zählt er zu den meistgelesenen und bedeutendsten Autoren der Weimarer Republik. Tucholsky war unbequem; einer, der fröhlich auf alles, was nicht stimmte, „dreinhaute“ – so nannte er sein kämpferisches Schreiben: „Wenn man nur ein Maschinengewehr besitzt: das Schussfeld wird sich schon finden“, „Ich habe blonde Haare, du schwarze – soll jeder von uns einen Verein gründen?“ oder auch „Jede Glorifizierung eines Menschen, der im Kriege getötet worden ist, bedeutet drei Tote im nächsten Krieg.“ In dem kleinen Büchlein wird er mit kurzen Zitaten in all seinen Facetten vorgestellt werden: politischer Ironiker, sicherer Gesellschaftskritiker, ungezwungener, weltoffener Moralist, sensibler Liebhaber und humorvoll-frecher Sprücheklopfender. Steht im Bücherregal zwischen: „Unser ungelebtes Leben“, den wunderschönen Briefen an Mary, Tucholskys zweiter Ehefrau und „die einzige Frau, die ich je geliebt habe“, wie er einmal schrieb, und dem Roman „Fabian“ von Erich Kästner, der eine Geschichte eines Außenseiters und Moralisten erzählt, dessen satirisch-sarkastischen Beobachtungen den politischen und moralischen Verfall Berlins zu Beginn der 30er Jahre protokolliert.

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