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Ein Buch von der Straße

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Angestrichen: Hier ist sie also, meine zweite Fassung der Geschichte von Stuart Shorter, Dieb, Geiselnehmer, Psychopath und soziopathischer Volksunterhalter, mein Spion im unruhigen Alltag der Chaoten der britischen Unterschicht zu Beginn des 21. Jahrhunderts: ein Mann mit einem wichtigen Leben. Ich wünschte, ich wäre schneller damit fertig geworden. Ich wünschte, ich hätte sie Stuart zeigen können, ehe er vor den 23.15-Uhr-Zug von London nach King’s Lynn gelaufen ist.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Wo steht das denn? In „Das kurze Leben des Stuart Shorter“, dem Erstlingswerk des Briten Alexander Masters. Die deutsche Übersetzung wird wie ein Roman behandelt, das Original „Stuart. A Life backwards“ ist aber eigentlich keine Fiktion. Sondern eine Biografie, aber ohne die üblichen schwarzweiß Fotos in schlechter Qualität und die üblichen ach-wie-lustig-Anekdoten. Master erzählt von einem Penner, von einem, der in der britischen Gesellschaft ganz unten lebt, im Dreck, im Sumpf, im Chaos. 1998 hat Masters Stuart Shorter das erste Mal gesehen, er hockte in einem Hauseingang neben einem Discount-Bilderrahmen-Shop, ihm fehlten mehrere Zähne, ansonsten: Käsige Haut, kahl rasierter Schädel, kaputte Turnschuhe. Stuart ist ein gewalttätiger, drogenabhängiger, unberechenbarer Kerl mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, der sich selbst als „Irrer“ bezeichnet. Seine Liste der Verbrechen ist lang (Raubüberfälle, Mordandrohungen, Gewaltausschreitungen), die Liste der Gefängnisse, in denen er saß, ebenso: „Send, Baintow House, Send, wieder Send, Eriestoke, Norwich, fünfmal Untersuchungshaft in Norwich, dann verurteilt zu fünf Jahren, dann verlegt nach Aylesbury (...)“ und so geht das weiter. Stuarts Vorstrafenregister umfasst zwanzig Seiten, die Narben an seinem Köper hat er sich zum großen Teil selbst zugefügt und meistens quasselt er Alexander Masters in Grund und Boden. Zwei Jahre hat Masters, das Mittelschichtsarschloch aus Stuarts Sicht, mit ihm verbracht. Eine Zeit, die für Masters nicht leicht war, wie er dem Leser ein wenig zu oft versichert. Den Prozess des Schreibens eines Buches teilt Masters in allen Facetten mit: Selbstzweifel, hoffnungslose Recherchen, Aufnahmegeräte, die nicht funktionieren, Durcheinander im Arbeitszimmer. Und ein Protagonist, der an der Gestaltung des Buches mitreden will. Die erste Version des Buches schleppt Stuart in einer Plastiktüte zum Treffen. Sein Urteil: „Es ist stinklangweilig.“ Alexander Master schwafelt ihm zu viel, er hätte lieber Witze, Humor, Geschichten, eben einen Bestseller, „so im Stil von Tom Clancy“. Sein Tipp für Masters: „Mach es andersrum. Mehr so wie ’ne Mordgeschichte. Wer hat den Jungen umgebracht, der ich mal war? Schreib es rückwärts.“ Und Masters schreibt die zweite Version, in umgekehrter Chronologie, 25 Kapitel bis zu Stuarts Tod, bei dem sich niemand sicher ist, ob es nun Selbstmord war, als er vor den letzten Zug von London nach King’s Lynn gelaufen ist, oder doch Mord. Dieses Ende des Buches ist hart, aber der einzige Schluss, der in Frage kommt. Denn die Fakten jenseits von Stuarts Strafregister sind so fürchterlich, dass ein „Happy End“ unangebracht wäre: Als Kind musste Stuart wegen Muskelschwunds auf eine Schule für geistig Behinderte und wurde von den Kindern aus dem Dorf deswegen gemein gehänselt. Mit zwölf wird Stuart von seinem Bruder Gavvy missbraucht. Stuart will in ein Kinderheim, um den Misshandlungen zu Hause zu entkommen, wird aber auch vom Heimleiter sexuell missbraucht. Stuart haut ab, schnüffelte Klebstoff und schwängert mit 17 Jahren eine 24-Jährige. Mit 20 Jahren droht er, seinen Sohn zu ermorden und wird von der Polizei überwältigt. Als 24-Jähriger unternimmt er einige Raubüberfälle, mit 29 vegetiert er abgeschottet wie Kaspar Hauser in einem Parkhausdeck vor sich hin. Und mit 33 Jahren wird er vom Zug überrollt. Das Leben von Stuart Shorter ist also in der Tat kurz und entbehrt jeder Romantik. Das hat Alexander Masters gut verarbeitet: Sein Debüt trieft weder vor political correctness, noch versucht es, das Paradoxon Obdachlosigkeit mit leeren Worthülsen oder Allgemeinplätzen zu erklären. Das macht es sehr lesenswert. Steht im Bücherregal zwischen: „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Mein Leben“ von Marcel Reich-Ranicki.

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