Ein Textmarker für egotaktierende Samplingpersönlichkeiten

Ein Hörspiel einer Berliner Künstlerin: „Komm, lass unsere Haut Helium spalten“. Was für ein Unsinn, sagt unser Autor in der Rezension. "Hier macht sich jemand viel Mühe, den Hörer zu befremden", resümiert er. Sein Schluss: Genau darin kann der Reiz liegen. Eine Rezension.
michael-moorstedt
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Illustration: Julia Schubert

Angestrichen: Einen Moment lang bin ich versucht, den Hörer abzunehmen und dem Club beizutreten. Welcher es wohl es ist? Wahrscheinlich der für egotaktierende Samplingpersönlichkeiten, die sich als Moving Targets zu schnell bewegen, um betroffen zu sein. Also genau etwas für mich. Wo steht das denn? In „Komm, lass unsere Haut Helium spalten“ einem Hörspiel der Berliner Künstlerin Softwareherz. Obwohl diese Bezeichnung nicht so recht passt. Denn ein Hörspiel ist das nicht, eher eine zufällige Aneinanderreihung von sieben Tracks, die inhaltlich nichts oder nicht viel miteinander zu tun haben und gefüllt sind mit interessanten bis banalen Sätzen. Die Autorin/Künstlerin versteht sich also als Samplingpersönlichkeit. Und Samples gibt es tatsächlich eine Menge. Sie handeln vom Leben in den Großstädten, von Geheimnissen, Wahrnehmung und mithin auch von der Liebe. Von großen Dingen eben und ihrer Dysfunktionalität. All das ist jedoch nur eine Vermutung. Denn es ist nicht so, als hätte man den Eindruck, eine Geschichte zu hören. Junge Kunst in den neuen Medien, klar, ist irgendwie frech und verrückt, oft auch mal kritisch. Junge Kunst möchte immer etwas Neues schaffen und schafft gerade das nur selten. Das Selbstverständnis der Autorin scheint das zu bestätigen. Softwareherz, so ist auf dem Medienbeipackzettel zu erfahren, lebt in Berlin und im Internet, und unterscheidet sich dadurch nicht wesentlich von den meisten anderen Menschen unter 30. Wenn man sie zuhause besucht, also auf ihrer Webpräsenz, erfährt man mehr: es geht um digitale Poesie und elektronische Lesungen. Alles rauscht und frickelt munter vor sich hin, Flashanimationen allenthalben. Man klickt, etwas verändert sich, nichts ist so wie es scheint. Das Leben, so scheint es hier, ist ein Button, kennt nur zwei Zustände: on oder off. Manchmal, wenn man so zuhört, möchte man einfach nur aufstehen, die Fäuste in den Himmel recken und laut rufen: „Was für ein Unsinn!“ Aber es gibt dann doch ein paar Nettigkeiten zu entdecken, die immer dann auftauchen, wenn man die Suche nach ihnen schon aufgegeben hat, wenn man glaubt, sie seien einfach zu tief versunken in den Untiefen der Absurdität. Nichtsdestotrotz wirkt „Komm, lass unsere Haut Helium spalten“ eigenartig verdichtet und logisch arrangiert. Man merkt: Hier wird nun doch eine Geschichte erzählt - auch wenn man eigentlich nicht genau weiß, wo etwas beginnt oder endet. Einen großen Anteil an der inneren Stimmigkeit hat die Musik, die immer mal wieder eingespielt wird. Minimal Techno, der, abseits der Erzählungen, einen Zusammenhang selbst dort herstellt, wo es offensichtlich keinen gibt. Was sich beim Hören offenbart, ist vor allem ein ausgeprägter Hang zu Dada und Hyperrealität, und immer ein Experiment mit Ausschnitten und Metamorphosen. Sampling eben. Diese seltsam verschwurbelte Sprache, vollgestopft mit Anglizismen, mischt sich mit Beats und Flächen und macht sich viel Mühe, den Zuhörer zu verwirren und zu befremden. Bei all dem bleibt jedoch ein beruhigend konservatives und versöhnliches Fazit: Binär, fragmentiert und zersplittert – so ist dieses Hörspiel und wenn man will, kann man das Werk dann auch mit Roland Barthes, dem Altmeister der strukturellen Analyse verteidigen. Der meinte, das absolut Neue entstehe nur in den Brüchen, den Splittern von Sinn. Dann, wenn sich die Struktur auflöst. Und Splitter, davon gibt es reichlich in der dreiviertel Stunde „Komm lass uns unsere Haut Helium spalten.“ Steht im Bücherregal zwischen: „Dada“ von Richard Hülsenbeck und dem Captain Future Soundtrack.

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