Ein trauriger Penis

Bild: reprodukt.
roland-schulz
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Illustration: Julia Schubert

Bild: reprodukt.com angestrichen: „Was ist überhaupt los, dass jetzt alle Welt heiratet? Einer nach dem anderen bleiben meine Altersgenossen auf der Strecke.“ Wo steht das denn? Fast am Ende des feinen Comics „Ganz gleich“, der die Geschichte von Nancy und Simon erzählt. Simon hat es schwer. Alle Welt heiratet. Alte Feinde aus der Schule tun beim zufälligen Treffen nach sieben Jahren so, als hätten sie ihren besten Freund wieder gesehen. Alle Altersgenossen bewegen sich in ihrem Leben, zu neuen Orten, Erfahrungen, Jobs, sie entwickeln sich fort. Nur Simon nicht, so argwöhnt er. „Was habe ich seit der Schule gemacht? Nichts. Was habe ich in der Hand? Nichts“, sagt er, als er kurz vor dem Ende des Comics mit Nancy am Strand von Pacifica sitzt. „Ich habe wirklich Angst, dass ich noch der gleiche jämmerliche Looser bin wie vor sieben Jahren, mit all meinen kindischen Lügen. Bin ich jetzt irgendwie anders? Bin ich überhaupt reifer geworden? Ich weiß es echt nicht...“. Dann malt er mit einem Stock Woody Woodpecker in den Sand, den verrückten Buntspecht mit der lauten Lache. Simon hat da eine Spritztour in seine alte Heimat hinter sich, auf der er mit seiner Freundin Nancy eigentlich den Liebesbriefen nachforschen wollte, die sich zu Dutzenden in Nancys Briefkasten verirren. Doch dann kam alles anders. Er hat alte Feinde und eine alte Freundin getroffen. Er hat an die Zeit gedacht, als er noch mit Weltschmerzgesicht, Stahlkappen-Stiefelchen und dem alten Flanell-Hemd von Papa durch die Gegend strolchte, weil Grunge und nur Grunge sein Ding war. Und er hat sich an die Schufterei erinnern müssen, wegen der er sich wie ein trauriger Penis gefühlt hat (und so zeichnet ihn der Zeichner Derek Kirk Kim dann auch in dieser Szene, als trauriges Penismännchen). Die Spritztour in die alte Heimat wird zu einer Suche nach sich selbst – an deren Ende ein Sternenhimmel voller Möglichkeiten steht. Steht im Bücherregal zwischen: Der alten Abi-Zeitung, den Tagebüchern von Kurt Cobain und dem verstaubten, weil seit dem 15. Geburtstag nie mehr gelesenen „Steppenwolf“ von Hermann Hesse. Ganz gleich von Derek Kirk Kim, 86 Seiten, 12 Euro. Erschienen bei Reprodukt.

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