"Eine Katastrophe ist geschehen. Es ist schrecklich."

Ein Philosophieprofessor beklagt, was aus der Hochschule geworden sei. Sein Ärger ist nicht neu. Aber er hilft, das Dilemma vieler Profs zu verstehen.
peter-wagner

Angestrichen:
In meiner Zeit wurde eine der m. E. großartigsten Leistungen der postaufklärerischen Menschheit, die moderne deutsche, die Humboldtsche Universität unter dem Applaus der meisten Betroffenen (Ministerialbürokratien, Wissenschaftsrat, Hochschulrektorenkonferenz, Hochschulleitungen usw.) als altmodisch in den Abfalleimer der Geschichte gestampft. Die Kanitverstans haben gewütet. Eine Katastrophe ist geschehen. Ich war Zeuge. Es ist schrecklich.  

Wer schreibt das?
Professor Reinhard Hesse, der zuletzt Ethik und Philosophie an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg unterrichtete.  

Wo steht das?
In einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Forschung und Lehre, die seit Mitte der Neunziger Jahre vom Deutschen Hochschulverband herausgegeben wird. Er vertritt die Interessen der Universitätsprofessoren.  

Und warum schreibt er das?
Hesse blickt auf 15 Jahre als Philosophieprofessor zurück und erkennt eine Trennlinie in seinem Schaffen. Er beschreibt, was ihm die Auseinandersetzung mit der Philosophie gebracht habe. Wie sie ihn motivierte und ihm Sinn gab. „Ich kann mir kaum etwas Sinnvolleres und Befriedigenderes vorstellen, als jungen Menschen eigenständiges, kritisches, philosophisches Denken nahezubringen.“ Das war die gute Seite seiner Arbeit, auf der einen Seite der Trennlinie. Weil ein Professor aber auch, einfach gesagt, zum Verwaltungsheini wird, gibt es da auch die andere Seite. Es gibt einen Teil der Arbeitszeit, den man Tätigkeiten widmen muss, die mit der ursprünglichen Motivation, ein Fach zu studieren und zu lehren nicht mehr so viel zu tun haben. Man muss dann Arbeiten betreuen, Mitarbeiter einstellen, Basisvorlesungen halten, in Gremien hocken, Interviews geben, Gelder eintreiben. In den vergangenen Jahren ist das alles nicht leichter geworden. Reinhard Hesse blickt zurück auf sein Professorenleben und beschreibt einen „schmachvollen Niedergang der deutschen Universität“, der sich für ihn in blöden, neuen Worten und Formulierung ausdrückt. Die Bürokratisierung, der Bologna-Prozess, die Amerikanisierung, die Ökonomisierung, all diese Vokabeln machten der Philosophie ihr Leben schwer. „Diesem Treiben machtlos zusehen zu müssen und nicht zynisch oder depressiv zu werden, ist mir nicht immer leicht gefallen“, schreibt Hesse. Er skizziert zum Beispiel, wie die „Stabsstelle Bologna“ seiner Hochschule ihn dazu aufforderte, Modulbeschreibungen für das Fach Ethik und Philosophie zu verfassen. Diese Beschreibungen sollten der Akkredititerungsagentur für die neuen Studiengänge zugeleitet werde, die wiederum Geld für ihre Akkreditierungsarbeit bekomme, das dort fehle, wo man es so dringend brauche, nämlich in der Lehre.    

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Illustration: Julia Schubert

Ach, die glorreiche Vergangenheit: Die alte Aula der Uni Heidelberg.

Man sitzt nachdenklich vor dem Beitrag. (Und, nebenbei, auch vor dem Portraitbild von Hesse, das hier nochmal größer zu sehen ist. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen ein Gesicht ganz punktgenau zum Inhalt des Textes zu passen scheint.) Erst sorgt man sich um den Mann, warum er so bitter sein kann. Dann liest man nochmal über die Stellen, in denen er sein Fach anhimmelt: „Die Sache der Philosophie ist nicht kaputtzumachen. (...) Sie ist das Kernanliegen der Universität: Bildung des Menschen als aufgeklärtes, den Sinn seines Tuns (...) reflektierendes und diskutierendes Wesen.“ Vielleicht leitet sich sein Ärger, den er empfindet, wenn er auf seine Hochschulzeit schaut, genau aus dem Engagement für sein Fach ab: Er ist in einer Zeit groß geworden, in der Bildung an der Hochschule noch nicht mit Ausbildung verwechselt wurde.  

Soll man Hesses Text nun schulterzuckend auf den Stapel der Meckertexte legen, die seit Jahren zur Bologna-Reform entstehen? Soll man ihn gleich wegwerfen, weil die Hochschulen sich gerade eh wieder in die andere Richtung entwickeln und das Studium verlängern und ihren Studenten, Stunde für Stunde, die alten Freiheiten zurückgeben? Vielleicht ist es einfacher und der Text ist eine Warnung, nach dem Motto: Obacht, wir sollten unsere motivierten Professoren nicht verheizen!

Vielleicht braucht es noch eine Reform, die den Professoren hilft, sich ihr Fach zurück zu erobern. Vielleicht sollte man jedem Professor noch einen geschäftsführenden Professor an die Hand geben. Der kann dann die Geschäfte führen, während der andere den Professor Hesse gibt und die Liebe zu seinem Fach nach außen trägt. Aber das ist wahrscheinlich, so wie die Rückkehr der Humboldtschen Uni, eine Utopie.

Text: peter-wagner - Foto: dapd

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