Eine rote Krawatte für alle Einserschüler

Eine Schule in England separiert ihre Schüler nach ihren Fähigkeiten - die Guten kriegen andere Klamotten als die nicht so Guten. Ist das gut?
yvonne-gamringer

Angestrichen
„Students with purple ties are gifted and talented. All the children at Crown Woods college in Greenwich, south London, know that. They are taught in separate colour-coordinated buildings, play in fenced-off areas and eat lunch at separate times. At 11 years old, all pupils at the college are streamed according to ability in what the headteacher argues is the only way to survive in the brave new world of market-driven education.“  

Nochmal auf Deutsch und in Kurz: Was heißt das?
Ein Gymnasium in England sortiert die Schüler nach Ihrer Begabung und verpasst ihnen dann auch noch eine entsprechende Uniform. Die Klugen zum Beispiel tragen rote Krawatten und werden auch in eigenen Räumen unterrichtet.  

Wo steht das?
In der Bildungsbeilage des Guardian, einer Zeitung aus London.  

Warum machen die das, mit der Trennung?
Der Schulleiter Michael Murphy sagt dem Guardian: „Mixed-ability teaching in state schools has patently been shown to have failed – our model allows all students to work at their own level and get the support they need.“ Er ist der Meinung, man tue den Schülern nur Gutes, wenn sie nach ihren Fähigkeiten unterrichtet werden. So sei das Leben, so seien die Gesetze der Marktwirtschaft. In den angelsächsischen Ländern ist der Kampf um einen guten Schulplatz und, mehr noch, um einen Platz an einer guten Universität nochmal ausgeprägter als zum Beispiel in Deutschland. Was also, argumentiert der Lehrer, spreche dagegen, den Schülern schon während der Schule ihren Platz zuzuweisen und ihr Können zu vergegenwärtigen?  

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Illustration: Julia Schubert



In England wird die Diskussion unter dem Wort „Streaming“ abgelegt. Damit ist der Umstand gemeint, dass man Schüler entsprechend ihrem Leistungsvermögen in Gruppen teilt und entsprechend unterrichtet. Das Streaming steht im Kontrast zum Lernen in gemischten Gruppen, das nach Murphys Sicht seine besten Zeiten hinter sich hat.

Ob das so ist, das debattieren Bildungsexperten schon lange. In Deutschland hat die CDU gerade den Finger gehoben und gesagt, dass sie die Hauptschule abschaffen will. Das dreigliedrige Schulsystem mit der Aufteilung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium soll nach und nach verschwinden. Weil es eben nichts anderes als Streaming war, weil Schüler zusortiert wurden und es dazu kam, dass die Hauptschule, und den Begriff hat man schon oft gehört, zur "Resteschule" verkam.  

Vielleicht muss man sich den dämlichen „Resteschule“-Begriff vor Augen halten, um zu begreifen, warum das neuerliche Streaming an der Schule in England so umstritten ist. Ein Sprecher einer britischen Lehrergewerkschaft versteht den Ansatz nicht und deutet nach Finnland, wo doch bewiesen worden sei, welch tolle Effekte man durch das gemischte Lernen habe. Ein User schreibt unter dem Guardian-Text, wie erschütternd er das Vorgehen finde, weil man auch im echten Leben mit unterschiedlich begabten Menschen umgehen können müsse. Ein anderer geht auf eine Passage im Text ein, in dem eine Schülerin beschreibt, wie die Trennung nach Fähigkeiten plötzlich Freunschaften beende und Feindschaften entstehen lasse. Er schreibt sehr zynisch, dass das Setting an der Schule hervorragend geeignet sei, um Mobbing an Schulen zu untersuchen. „Viel Spaß dabei“, schreibt er. Die Kommentarleiste wächst immer weiter und immer mehr Leser machen sich über die „Apartheid“ an der Schule lustig. Am härtesten bringt die Diskussion vielleicht der User badmonotreme auf den Punkt. Er schreibt: „So, do the thickest students get orange overalls?“     



Text: yvonne-gamringer - Foto: dpa; Montage: kb

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